»Das ist ein ›Pop fact‹!«

Nach einer ausgiebigen Tournee im Sommer und Herbst diesen Jahres, welche die Pet Shop Boys auf mehr als 50 Stationen durch Europa und Nord- und Südamerika führte, kehren Neil Tennant und Chris Lowe mit einer visuell ebenso beeindruckenden wie minimalistischen, von Es Devlin konzipierten Würfel-Show im Dezember für sechs Konzerte zurück nach Deutschland. Hier verkaufte sich ihr aktuelles Album »Yes« zum ersten Mal in der Karriere der Band besser als in England. Am 11. Dezember veröffentlichen die Pet Shop Boys bei EMI außerdem eine EP namens »Christmas«. Martin Hossbach telefonierte anlässlich der anstehenden Neuaufnahme der Tour und der EP mit Neil Tennant.

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Ihre neue EP heißt »Christmas«. Was für ein passender Titel für eine Weihnachts-EP …
    Neil Tennant: Ein ›unglaublich‹ genialer Titel.

Die einfachsten Titel sind oft die besten: »Please«, »Release«, »Yes«.
    Typisch Pet Shop Boys. Aber wie es so oft ist: Um auf die einfachsten Titel zu kommen braucht man viel Zeit. Ursprünglich wollten wir die EP »The All over the World EP« nennen bis wir uns fragten, warum wir diese EP eigentlich veröffentlichten. Natürlich! Es sollte eine Weihnachtsplatte werden. »Christmas« – das ideale Weihnachtsgeschenk!

Man sollte sich gleich fünf Stück bestellen und verschenken.
    Sie haben es verstanden. Wir sollten jeden zwingen, sich fünf Exemplare zu kaufen. Genau das ist doch der Punkt. Das ist die einzige Daseinsberechtigung dieses Tonträgers – ein Weihnachtsgeschenk zu sein.

Warum überarbeiteten Sie für die »Christmas«-EP den Song »All over the World«, der auf Ihrem im März erschienenden Album »Yes« bereits in einer ausgezeichneten Version Ihrer Produzenten Xenomania vorlag?
    Es ist doch ein ›Pop Fact‹, ein Passus aus dem Gesetzbuch der Popmusik, dass man Songs eines Albums, die später als Single veröffentlicht werden, zu überarbeiten hat.

Diese Antwort hatte ich erwartet.
    Es war die einzig mögliche Antwort, da sie der Wahrheit entspricht, denn es ist wie gesagt ein ›Pop Fact‹. Aber es bringt tatsächlich auch Spaß, sich nach einiger Zeit einem ausproduzierten Stück, das bereits erschienen ist, nochmals zu widmen, und zu schauen, ob man noch etwas verändern oder verbessern könnte. Wir haben zusammen mit Marius de Vries »All over the World« nun nicht unbedingt besser, wohl aber stärker und knalliger gemacht – und ein wenig weihnachtlicher … Hinzu kam ein neues Streicherarrangement und vor allem wurde das Bläsermotiv, das wir Tschaikowskys Nussknacker-Suite entlehnt haben, viel stärker in den Vordergrund gebracht. Diese Melodie ist genial und weist gleichzeitig eine unglaubliche Pop-Banalität auf – herrlich!

Wie kamen Sie in diesem Zusammenhang auf den Produzenten Marius de Vries, den man durch seine Arbeiten für Madonna oder insbesondere Björk kennt und mit dem Sie auf dieser EP auch an dem Stück »It Doesn’t Often Snow at Christmas« gearbeitet haben?
    Wir haben de Vries vor Ewigkeiten durch Rufus Wainwright kennengelernt, als er Rufus’ bis dato bestes Album »Want One« produzierte. Außerdem schlug ich ihn in meiner Rolle als Executive Producer von Wainwrights letztem Album »Release the Stars« als Mix-Engineer vor und lernte ihn so noch besser kennen.

Lassen Sie uns über »It Doesn’t Often Snow at Christmas« sprechen, ein Song, den Sie ursprünglich im Jahr 1997 in einer limitierten Auflage als Weihnachtsgeschenk an die Mitglieder des offiziellen Pet-Shop-Boys-Fanclubs, dem »Pet Shop Boys Club«, verschickt hatten. Sie thematisieren dort u.a. die »Festive Number One«, den Nummer-Eins-Hit in den englischen Charts zu Weihnachten. Es scheint so, als ob genau diese Position in England eine besondere Wichtigkeit einnimmt.
    Die Wichtigkeit, die es tatsächlich immer gab, hat seit 1997 enorm abgenommen. Die Weihnachts-Nummer-Eins gehört jetzt X-Factor, der englischen Castingserie, die mit »Deutschland sucht den Superstar« zu vergleichen ist, und ihren Produkten – ein weiterer Beweis dafür, wie diese irritierenden Reality-TV-Shows unser kulturelles Leben ruinieren. Niemand anders kann Weihnachten diese Position erreichen außer einem X-Factor-Act, denn niemand hat solch einen perfekten Zugang zu den Massenmedien.

Das ist Faschismus.
    In der Tat. Und X-Factor erweitert gerade sein faschistisches Reich, in dem es eine Charity-Platte im November veröffentlicht, um rechtzeitig zum Jahresende die Top-Position in den Albumcharts zu besetzen. Während wir gerade sprechen hat eines der Jurymitglieder, Cheryl Cole, einen Nummer-Eins-Hit in den Singlecharts und so weiter und so fort.

Auf »Christmas« finden sich zwei Versionen Ihrer Madness-Coverversion von »My Girl«, die Sie im letzten Jahr in der Londoner Disco »Heaven« uraufführten. Anlass war die Benefizveranstaltung für die Familie Ihres wenige Monate zuvor in Moskau bei einem Autounfall verstorbenen ehemaligen Assistenten und Bodyguards Dainton Connell, den man auch aus einigen Ihrer Videos, »Jealousy«, »So Hard« oder »Was It Worth It?«, kennt. Warum wählten Sie ein Stück von Madness aus?
    Daintons erste Anstellung in der Musikindustrie war bei Madness. Er arbeitet als Security-Mann, sprang aber ab und an auch auf die Bühne und tanzte für die Band – ein linker, schwarzer Skinhead, wobei Skinheads doch zu einem großen Teil weiße Rassisten waren. Madness hatten immer einen großen Anteil von Skinheads unter ihren Fans, was teilweise ein Fluch war, da viele von ihnen die rechtsextreme Partei National Front unterstützten. Bis heute ist das eine gehörige Bürde, die Madness tragen müssen. Außerdem scheint der Song »My Girl« sehr gut die Beziehung von Dainton und seiner Frau Mandy auf den Punkt zu bringen. Sie waren seit Schulzeiten zusammen.

Zu guter Letzt veröffentlichen Sie auf »Christmas« auch noch ein Medley aus Coldplays »Viva la Vida« und Pet Shop Boys’ »Domino Dancing«. Als wir uns im Winter 2008 trafen, um über »Yes« zu sprechen, alberten wir noch herum, dass man eventuell Enrique Iglesias’ »Livin’ la Vida Loca« mit Ihrem »Se a Vida è« und Coldplays »Viva la Vida« zusammenbringen könnte. Chris Lowe schlug als Titel »Se a Viva la Vida è« vor… Was fasziniert Sie an Medleys?
    Ein Lied auf das andere zu setzen kann überraschende Ergebnisse bringen. In den letzten Jahren wurde diese Technik unter der Bezeichnung »Mash Up« sehr berühmt – nur dass wir hier keine existierenden Aufnahmen benutzten, sondern alles neu einspielten. Als Coldplays Song rauskam, meinten viele Hörer, dass er sie an uns erinnern würde. So kamen wir überhaupt erst auf die Idee! Coldplay haben leider keinen besonders guten Ruf, jeder meint, über sie ablästern zu müssen. Aber »Viva la Vida« ist ein absolut großartiger Song mit einem unglaublich guten Text über einen König im Exil – das Exil nimmt in meinen Texten ja auch öfter eine wichtige Rolle ein… Chris spielte dann später, als wir mit Stuart Price unsere Songs für die anstehende Tour neu produzierten und fit machten, das Eröffnungsriff von »Domino Dancing« über unser Coldplay-Cover. Stuart war total begeistert und entschied, dass das Medley genau diesen Weg einschlagen sollte. Ich singe das Stück live sehr gerne, liefert es mir doch auch wieder einen Grund, mich als König zu verkleiden.

Was zeichnet für Sie Price’ Arbeit als Produzent aus?
    Stuart ist sicherlich der ›elektronischste› aller Produzenten mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben. Er ist sehr ›dance‹. Er weiß genau, wie man einen Song aufbauen muss, damit das Publikum beim Refrain komplett durchdreht. Live hat er zum Beispiel in »It’s a Sin« vor dem letzten Refrain einfach nur einen weiteren Schlagzeugwirbel eingebaut – das haut die Leute um! Die Tatsache, dass Stuart ein sehr guter DJ ist, hilft seinen Produktionen immens.

Was erwartet den Zuschauer nun auf der Tour, die Sie dieses Mal ausschließlich durch große Arenen führt? Haben Sie die Setlist oder das Bühnenbild verändert?
    Wir haben einige Songs neu in unser Programm aufgenommen. »New York City Boy«, »What Have I Done to Deserve this?« und »It Doesn’t Often Snow at Christmas«. Was das Bühnenbild angeht: Wir bringen einfach noch mehr Würfel auf die Bühne!

 

Die neue EP »Christmas« der Pet Shop Boys erscheint am 11. Dezember (EMI), Karten für ihre »Pandemonium Tour« sind im Vorverkauf erhältlich.

Pet Shop Boys auf »Pandemonium Tour«:
05.12. Berlin – O2 World
06.12. Rostock – Stadthalle
09.12. Hamburg – CCH (saal 3)
11.12. Magdeburg – Stadthalle
12.12. Münster – Halle Münsterland
14.12. Frankfurt – Jahrhunderthalle (Kuppelsaal)

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