Navel

Zuerst Michael Jackson gehört, dann die Hard Rock-Sammlung der Eltern geplündert. Die schweizerische Band Navel reanimiert mit Lärm-Stompern, Klage-Orgien und Grunge aus der Pyjamahose verloren geglaubte Zeichen der Jugendkultur.

Navel
NAVEL / JARI ALTERMATT: »Ich habe als Kind die Hard Rock-Sammlung meines Vaters entdeckt: Led Zep und all dies. Das war’s dann für mich. Das wollte ich selbst machen.« (Im Foto v.l.n.r.: Steve Valentin, Jari Altermatt, Evelyne Monney)

(Foto: © Philipp Müller)


Das Erstaunliche an Navel ist die Selbstverständlichkeit, mit der verschütt’ gegangene Zeichen vergangener Jugendkulturen wie Hard Rock, Punk und Grunge zurückkehren als identitätsstiftende Momente. Das Trio rekrutiert sich aus Songwriter, Produzent, Sänger und Gitarrist Jari Altermatt, Bassistin Evelyne Monney und Schlagzeuger Steve Valentin, alle um die zwanzig Jahre jung. Die Gitarren hängen schlaff, die Pyjamahosen schlabbern, die Sonnenbrillen sind auch zu groß und der Gesichtsausdruck changiert zwischen demonstrativer Langeweile, Wut oder überspitzter Coolness. Während Monney die Kunsthochschule in Basel besucht und Valentin sich mit Schlagzeugunterricht verdingt, produziert Altermatt in seinem Scheunenstudio im Baseler Umland befreundete Rock-Bands. In dieser Formation spielten Navel seit etwa einem Jahr zusammen; Altermatt ist der einzige Verbliebene der vor rund zwei Jahren gegründeten Gruppe. Nach zwei Singles für Louisville Records haben Navel nun ihr Debüt-Album »Frozen Souls« aufgenommen – es soll nicht weniger als das ganz große Ding sein.

    »Produzent der eigenen Band zu sein ist gar nicht so leicht«, berichtet Altermatt von den Aufnahmen. »Insbesondere, wenn es um das erste Album geht und man viele Abläufe auf dieser professionellen Ebene noch nicht so genau kennt. Zwar nehme ich selbst mit anderen Bands auf und weiß schon, worauf man zu achten hat – die ganzen Psycho-Tricks habe ich also schon drauf. Aber wenn man dann mit den eigenen Leuten über Bass-Linien diskutieren muss, dann muss man andere eben auch mal im Recht lassen. Sie so spielen lassen, wie sie wollen.«


PATRICK WAGNER: »Ca. 10 000 € später ist das Video (zu ›Somehow‹; Anm. d. Red.) zwei mal gelaufen und MTV lässt über Dritte ausrichten, dass man keinen Rock spiele auf MTV – als hätten sie das nicht einen Moment früher gewusst.«

Ein kurzer Auszug aus Patrick Wagners Reaktion auf die mediale (Nicht-)Beachtung gegenüber Navel. Auch die Spex-Redaktion bekam ihr Fett weg – dazu aber an anderer Stelle mehr.

VIDEO: Navel – Somehow
(Regie: Magnus Winter)

    Das Label Louisville Records hat scheinbar viel vor mit dieser Band. Zwei Tage lang gab Altermatt Interviews zum Album, schon die Ankündigungen der Singles »Vomiting« im vergangenen Herbst und »Somehow« Ende Februar konnte man verstehen, als hätte Label-Macher Patrick Wagner jenen Gott rocken hören, mit dem er selbst in vergangenen Kitty Yo– und Surrogat-Jahren oft verglichen wurde. Tatsächlich hatte »Vomiting« eine enorme Wucht; »Somehow« lässt den Dance Rock-Beat in einen derben Hard Rock-Refrain münden. Das hat dazu geführt, dass für die Aufnahmen zu »Frozen Souls« gleich drei namhafte Rock-Größen angekarrt wurden.

    »Wir haben mit den besten Leuten zusammen gearbeitet« verkündet Altermatt nicht ohne Stolz. »Peter Deimel, in dessen Black Box Studios wir in Frankreich aufgenommen haben, versteht diese Musik total gut. Auch Patrick Majer hat sich viel Zeit gelassen für den Mix.«
    Erklärend sei hinzugefügt, dass in den Black Box-Studios unter anderem das vierte Tocotronic-Album »Es ist egal, aber« entstand und Patrick Majer neben seiner Arbeit mit unbekannteren Bands wie eben Navel oder den empfehlenswerten Cherry auch Chart-Größen produziert, darunter Wir Sind Helden, Rosenstolz und Calexico. Während Deimel den Aufnahmeprozess leitete und Majer später den Endmix arrangierte, ließ man sich auch das Mastering etwas kosten. Es wurde besorgt vom New Yorker Howie Weinberg, der von U2 bis OutKast schon so ziemlich allen das letzte Frequenz-Design verpasst hat.

    Dass Altermatt trotz dieses Star-Aufgebotes das Album selbst produziert hat, zeugt von der Vision, die er von seiner Musik hat. »Nach vielen Jahren als totaler Michael Jackson-Fan habe ich als Kind irgendwann die Hard Rock-Sammlung meines Vaters entdeckt: Led Zep und all dies. Das war’s dann für mich. Das wollte ich selbst machen.« Neben den bereist erwähnten Grunge- und Hardrock-Vereinnahmungen sind es auf »Frozen Souls« immer wieder auch Slide-Gitarren, die vom Wissen um die Rock-Klassik zeugen.

    Navel haben hier am Zeitgeist vorbei ein eigenwilliges, störrisches und oft energisch lautes Album geschrieben. Dabei unterscheidet sie ihre unverbrauchte Rotznäsigkeit vom anbiedernden Abgeh-Ding etlicher Jung-Rocker: In Lärm-Stompern wie »So Much Left To Say« oder Klage-Orgien bei »Is It For You« wirkt diese Band so, als seien Gitarren-Mauern in der Zeit vor Navel noch nie ein Thema gewesen. Obacht »quiet«, »laut« kommt wieder.

»Frozen Souls« von Navel ist soeben erschienen (Louisville Records / Universal Music). Derzeit läuft ihre Schweiz-Österreich-Tour, Anfang Mai folgen sechs Live-Shows in Deutschland. Alle Termine finden sich hier.

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