Natalie Beridze »Guliagava« / Review

Natalie Beridzes neues Album mag zwar weniger sperrig klingen als so mancher Vorgänger. Doch auch hier sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.

Guliagava gibt es nicht – oder doch? Natalie Beridzes Tochter meinte jedenfalls, das Wort aus einem russischen Schlaflied herauszuhören, und sagte es fortan immer wieder, wenn sie ein wenig Trost gebrauchen konnte. Folglich machte Beridze den imaginären und doch so konkreten Ort der Geborgenheit zum Titel ihres neuen Albums, das sich erheblich unterscheidet von seinem Vorgänger Forget’fulness, aber zugleich an die bisherige Arbeit der georgischen Elektronikerin anknüpft.

Neu ist der beinah völlige Verzicht auf gebrochene Beats und Störgeräusche im Geiste Autechres zugunsten einer durchgehenden soulfulness, deren luzide Melancholie an Stereolab erinnert. Die Arrangements sind komplex, aber in sich schlüssig, Beridzes warme Stimme steht entschlossener im Zentrum als früher, hüllt ein und kommt nah. »Museum On Your Back« und das in Kooperation mit einem ihrer Studenten (Beridze unterrichtet Komposition in Tbilissi) entstandene »Hello« sind vielschichtige Elektropopsongs, die man kennt vom Label Monika Enterprise. Doch man sollte sich nicht zu kuschlig in der vordergründigen Sicherheit von Guliagava einrichten, denn – und damit bleibt sich Beridze treu – die Dinge sind keineswegs, wie sie scheinen. Nur benennt Beridze das nicht mehr so deutlich wie in früheren Tracks, die »Future Will (Never Come)« hießen oder »What About Things Like Bullets«.

Flüssigkieten fließen, tropfen, strömen in Meere und Seen und bieten keinen Schutz.

Natalie Beridzes früherer Decknamenzusatz »Tba« bedeutet einerseits »to be announced«, ist aber auch das georgische Wort für See – und Wasser, Flüssigkeit und Schweiß sind wiederkehrende Themen auf Guliagava. Sie fließen, tropfen, strömen in Meere und Seen und bieten keinen Schutz. Der Text zu »Fishermen 2015« stammt aus dem Abschiedsbrief eines syrischen Flüchtlings, der im Mittelmeer ertrank. Der gefährlich hin und her schlingernde, wuchtige Beat von »Light Is Winning« macht deutlich, dass der Weg zum Licht ein beschwerlicher ist. Und ja, Guliagava gibt es. Als Utopie und Dystopie zugleich.

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