Nao „Saturn“ / Review

Cover: Nao „Saturn“

Lange war sie eher im Hintergrund großer Namen zu hören, nun bringt Nao ihr zweites Soloalbum heraus. Saturn heißt es und spielt an nicht weniger Elementares an auf 13 Songs beschreibt sie den Versuch, sich selbst und das eigene Umfeld neu zu erfinden. Dabei lässt sie eine warme, versöhnliche Stimmung entstehen, die manchmal nur knapp an cheesy EDM-Euphorie vorbeischrammt.

Knarzige Bässe, stolpernde Beats, funky Gitarren und darüber schwebend eine klare Stimme. So trat die Londonerin Neo Jessica Joshua mit ihrer ersten EP 2014 aus dem hinteren Teil der Bühne ins Rampenlicht. Nach dem Vocal-Jazz-Studium war sie zunächst vor allem als Sessionsängerin tätig, unter anderem für Kwabs und Jarvis Cocker. Mit ihrem Debüt For All We Know machte Nao es sich 2016 dann selbst mit einem Sound zwischen Wonky, R’n’B und Soul im Licht der Aufmerksamkeit gemütlich. Die Interpretationshoheit über ihren Sound bewahrte sie sich damals in der Infozeile ihres Twitter-Profils selbst: „Laying down them wonky funk vibes“. Heute steht da: „Laying down them healing vibes“. Als heilend beschreibt Nao also ihre Musik – und wächst damit über ihr eigenes Genre hinaus. Auf ihrem zweiten Album Saturn bleiben nur noch Spuren ihres alten wonky funk vibes. Stattdessen folgen auf teilweise bombastischen Pop populäre Musik mit Bindungen zu R’n’B, Soul, Funk und elektronischer Clubmusik. Das klingt weniger förmlich als es sich liest: Zwischen Piano, Gitarren, steppenden Kickdrums und sägenden Bässen entsteht eine warme, versöhnliche Stimmung.

Zweifel oder Befürchtungen, die Änderungen mit sich bringen können, haben auf „Saturn“ ihre verletzenden Kanten verloren.

Im Titel spielt Nao übrigens auf den „Saturn Return“ an, der in Astrologie das Phänomen meint, wenn der Planet im Leben eines Menschen wieder an derselben Stelle steht, an der er sich bei dessen Geburt befunden hat, was meist mit Ende 20 passiert. Diese Rückkehr soll mit großen Umwälzungen im Leben zusammenzufallen. Und ebensolche thematisiert die 30-Jährige auf Saturn. Die 13 Stücke drehen sich um den Versuch, sich selbst im Leben und in Partnerschaften neu zu erfinden, sich von oppressiven Menschen zu lösen und Enttäuschungen zu verarbeiten. Nao zeichnet diesen Umbruch aber weder in Stimme noch Instrumentierung düster und beklemmend. Zweifel oder Befürchtungen, die Änderungen mit sich bringen können, haben auf Saturn ihre verletzenden Kanten verloren. Nao benennt sie zwar, rückt sie aber in ein positives Licht. Ob das healing ist? Vielleicht. Zu dem Preis jedenfalls, dass Saturn manchmal nur knapp an cheesy EDM-Euphorie vorbei schrammt.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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