Nao »For All We Know« / Review

Wider dem Schubladendenken: Das lang erwartete Debütalbum von Nao ist Retro und Future zugleich.

Erfahrungsgemäß tut sich der weiße Mainstream schwer damit, schwarzen Musikern ein volles Maß an künstlerischer Komplexität zuzugestehen. Allzu oft wird unter dem generischen Stichwort des »Alternative R’n’B« alles verbucht, was vom gängigen Black-Music-Phantasma abweicht. Die britische Sängerin und Produzentin Nao scheint vor derart schablonenhafter Kritik schon gefeit: »Laying down them Wonky Funk vibes«, heißt es in ihrer Twitter-Biografie. Eine Gattungsbestimmung aus eigener Feder, die besagtes Schubladendenken ins Leere laufen lässt – in weniger als 140 Zeichen versteht sich.

Gut zwei Jahre tüftelte Nao derweil an ihrem Debütalbum For All We Know und versüßte uns die Wartezeit mit zwei EPs, die quasi nebenbei zu Soundcloud-Sensationen mutierten. Das Album erscheint nun auf ihrem eigenen Label Little Tokyo Recordings, der Titel (in Anlehnung an den gleichnamigen Jazz-Standard) ist als Hommage an ihre Wurzeln im Vocal-Jazz zu verstehen.

Als wären im Presswerk Aufnahmen von Aaliyah und Slash versehentlich auf den gleichen Tonträger geraten.

For All We Know schafft eine gekonnte Rekontextualisierung des vielfach recycelten 90s-R’n’B. Verspielter Gesang und Synthie-Rhapsodien bleiben Teil des Repertoires, doch werden sie durch synkopische Drums und eine leitmotivische Funk-Gitarre verfremdet. Ein Ansatz, der in »Trophy« (produziert von UK-Bass-Hoffnung A.K. Paul) seinen Höhepunkt findet: Ein wonky Beat trifft auf ein bis zur Absurdität verzerrtes Gitarrenriff – als wären im Presswerk Aufnahmen von Aaliyah und Slash versehentlich auf den gleichen Tonträger geraten.

Den Ausklang markieren dann die höchst konnotativen »Blue Wine« und »Feels Like (Perfume)«; zwei down-tempo-Stücke, auf denen sich Nao mit ihrem Gespür für Soul-Dramaturgie in eine Art synästhetischen Taumel singt, in dem Laute und Worte zu Klangfarben verschmelzen. In ihren besten Augenblicken weckt Naos Kristallstimme Erinnerungen an den jüngsten Spross des Jackson-Clans und ihr gleichnamiges Album Janet. Doch Nao denkt gar nicht daran, solchen Idealen nachzueifern. Statt als Lobgesang auf vergangene Zeiten serviert sie For All We Know selbstbewusst als retrofuturistische Assemblage – mit mehr als 140 Zeichen.

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