Nächster Halt: Fruitvale Station: von Anfang an zu spät

Rassistisch motivierte Polizeigewalt gibt es in den USA immer wieder. Oscar Grant fiel ihr – wie auch Trayvon Martin und Michael Brown – zum Opfer. Der Film Nächster Halt: Fruitvale Station erzählt seine Geschichte und erscheint nun für das Heimkino.

Es ist der letzte Tag des Jahres 2008 in Oakland, Kalifornien. Oscar Grant hat seinen Job endgültig verloren, er investiert seine letzten Dollars in Benzin und freundet sich, während er sein Auto auftankt, mit einem Straßenköter an – der nur Sekunden später überfahren wird. Oscar holt den blutenden Hund von der Straße, er kann ihm in seinen Armen nur mehr beim Sterben zusehen. Der Autofahrer kommt davon, fährt einfach weiter.

Diese Szene aus Nächster Halt: Fruitvale Station ist eines der wenigen vom Drehbuch dazugedichteten symbolischen Bilder. Der Debütspielfilm von Ryan Coogler hält sich ansonsten in quasi-dokumentarischer Absicht an reale Ereignisse.

Er ist eine Nacherzählung jenes Silvestertages 2008, an dessen Ende, kurz nach dem großen Neujahrsfeuerwerk in der San Francisco Bay, der 22-jährige Oscar Grant durch rassistisch motivierte Polizeigewalt starb. 
Grant lag auf dem Boden der Fruitvale-Station der BART-Zuglinie, mit Handschellen gefesselt, von zwei Beamten fixiert, als ihm in den Rücken geschossen wurde. Es gibt Videoaufnahmen des Vorfalls. Sie stehen am Anfang von Cooglers Film, der damit seinen Ausgang gleich vorwegnimmt und vom ersten Moment an die drückende Spannung des Unausweichlichen verbreitet.

In den USA war Nächster Halt: Fruitvale Station Mitte Juli 2013 angelaufen, einen Tag vor dem Freispruch von George Zimmerman, der im Februar 2012 in Sanford, Florida den unbewaffneten 17-jährigen Trayvon Martin erschossen hatte. In deutschen Kinos war der Film ab Anfang Mai dieses Jahres zu sehen. Drei Monate später starb in Ferguson, Missouri der unbewaffnete 18-jährige Michael Brown durch Schüsse aus der Waffe eines weißen Polizeibeamten.

Wenn Nächster Halt: Fruitvale Station am Donnerstag auf Blu-ray und DVD erscheint, kann der Film nicht ohne diesen Hintergrund gesehen werden. Dass er dadurch zu einem stellvertretenden Dokument in einer ganzen Reihe anderer vergleichbarer Fälle wird, lässt ihn in seiner manchmal durchaus etwas plumpen Schlichtheit umso stärker wirken.

Regisseur Ryan Coogler entscheidet sich für eine beinahe radikal eindimensionale Erzählweise. Er bleibt ganz nah bei seinem von Michael B. Jordan gespielten Protagonisten. Immer wieder läuft die Kamera hinter ihm her, dicht dran, als wäre sie kurz davor, ihn einzuholen; aber das klappt nie, man kommt beim Zusehen von Anfang an zu spät.

Sobald der tödliche Schuss fällt, kippt der Film in eine seltsame Perspektivlosigkeit, und zwar durchaus im doppelten Wortsinn. Coogler verzichtet auf zu offensichtliche Kontextualisierung, auf Moralisierung, auf eventuelle parallele Handlungsstränge. Nächster Halt: Fruitvale Station gibt keine Antworten. Das wie abgeschnitten wirkende Finale des Films verstärkt nur das Gefühl von Ratlosigkeit. So steht am Ende eine Frage.

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