Nadine Shah „Holiday Destination“ / Review

Dringliche Utopien: Bei Nadine Shah wird aus bunten Versatzstücken ein funktionierendes Ganzes.

Ein Klangteppich gleitet durch eine Stereosphäre akkurat geschichteter Sounds. Ein sanftes Rascheln, nur durch Gitarren zwischen Präzision und Geschrammel unterbrochen. Dazu Nadine Shahs aufwühlende Stimme und ein Bassmotiv, das dunkle Vorahnungen wie Hoffnungsschimmer evoziert. Und am Ende des Openers „Place Like This“ skandiert auch noch eine Menschenmenge: „Refugees are welcome here!“

Man ahnt: Der teils verstörende Blick auf die menschliche Psyche von Love Your Dum And Mad und die blinde Wut von Fast Food sind passé, Holiday Destination wagt sich an die großen politischen und sozialen Themen. Den Anstoß dafür gab laut Shah ein Fernsehbeitrag über britische Urlauber auf der griechischen Insel Kos: Dort gestrandete, unter den Sammelbegriff Flüchtlinge fallende Stimmungskiller hätten ihnen die sauer ersparten zwei Wochen Urlaub im Jahr versaut. Eine Dreistigkeit, die die nordenglische Songwriterin mit pakistanischen Wurzeln weltweit ausmacht: Überall suchen Menschen verzweifelt Schutz vor teils drastischen Lebensrealitäten. Doch statt ihn ihnen zu bieten, denkt sich der Westen vor allem neue Grenzen für Staat und Kopf aus. Findet Shah alles ziemlich scheiße. Und das hört man.

Holiday Destination spielt einem die Welt als Patchwork vor.

Selber Scheiß, anderes Kleid: Nationalismus. „Out The Way“ adressiert die Spinner dieser Fraktion, denen sich Shah mit ihrem Migrationshintergrund oft stellen muss. Der britische Saxophonist Pete Wareham eilt ihr mit einem Solo zu Hilfe und rettet nebenbei noch das Instrument aus dem EDM-Exil. Zu militanten Drums spielen sich die beiden im Stakkato die Finger wund – und Shahs Stimme macht aus rhetorischen Fragen Punchlines: „Where would you have them go / A generation searching for a home?“

Holiday Destination ist ein Schlag in die Magengrube. Es spielt einem die Welt als Patchwork vor, aus bunten Versatzstücken wird ein funktionierendes Ganzes. Zwar spricht es weitestgehend in Utopien, doch mit seiner Dringlichkeit trifft es den Nerv der Zeit – als verzweifelter Schrei nach mehr Ungestüm im Pop.

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