Nadine Shah Fast Food

Chelsea Wolfe in familien- und nervenfreundlich: Nadine Shahs Fast Food geht im Feierabendstau genauso gut wie in der Indiedisco.

Nadine Shah ist einerseits eine in einer kleinen nordenglischen Küstenstadt aufgewachsene Sängerin und Liedermacherin mit Migrationshintergrund: Papa kommt aus Pakistan und sang ihr mit koloraturstarker Stimme gern poetische Urdu-Ghaselen vor, die Eltern der Mutter stammen aus dem lichtarmen Norwegen. »Nadine Shah«, die mit den Anführungszeichen, ist aber andererseits auch eine von Nadine Shah, der ohne, geschaffene Kunstfigur. Dieser Schachzug erlaubt es der ehemaligen Jazzclubsängerin, die über eine Stimme verfügt, bei deren Einsetzen die Leute gemeinhin kurz von den Displays ihrer mobilen Endgeräte aufblicken, eine Fin-de-Siècle-haft aufgedonnerte und aus tausend Wunden blutende Gothic-Sau durchs Indie-Dorf zu jagen, die man 24/7 weder sein kann noch mag. Da wird so kraftvoll tremoliert, manieriert geseufzt und sich weltmüde die Adern geöffnet, dass selbst der gutwilligste Therapeut sagen würde: »Na komm, Mädel, ein klitzekleinwenig übertreibste jetzt aber schon, gell?«

Dieses stets leicht übersteuerte Pathos fällt immer dann besonders auf, wenn die Chanteuse auf den wie schon beim 2013er Debüt von Ben Hillier (Depeche Mode, Blur) produzierten straffen Bandsound aus Bass, Gitarre, Schlagzeug verzichtet und sich nur von getragenen Klaviertupfern und dem einen oder anderen kompetent bedienten Soloinstrument begleiten lässt. Heute wirkt solche spitzenbesetzte 19th-Century-Emotionalität in etwa so anachronistisch wie Maria Callas, die im Baumarkt fragt, wo sich die Pömpel zur Kloverstopfungsbeseitigung aufhalten. Und wenn, dann passt dieses Gefühlskostüm eher in die Altersklasse einer vom Leben böse rangenommenen Diva mit interessant verwüstetem Gesicht, nicht aber zu einer reschen jungen Frau mit mehr Zukunft als Vergangenheit.

Überzeugender ist Shah, wenn der waidwunde Intimismus ihrer Geht’s-mir-vielleicht-dreckig-Balladen straightforward und angenehm unfiligran rockendem Stakkato-Goth weicht. Dann wird der Isolationismus unfruchtbar um sich selbst kreisender Gedanken durch vitalere Raus- und Weggehstimmungen ersetzt. Die immer leicht dissonanten Gitarren verbreiten eine monoton angefinsterte Schroffheit, die vielleicht nicht mit großen Schritten auf den eigenen Tod zurast, aber seiner Möglichkeit doch mit einer gewissen Egalheit ins Auge schaut. Siouxsie Sioux, PJ Harvey und zerschlissene Gruftimäntel lassen schön grüßen. Distinktive gegenkulturelle Fehdehandschuhe kriegt hier trotzdem keiner vor den Latz geballert, Shahs Uptempo-Stücke wie die äußerst eingängige Snobabrechnungsnummer »Fool« funktionieren in der Marketingassistenten-WG (okay, schon coolere Marketingassistenten) und im Feierabendstau genauso gut wie in der Indiedisco. In gewisser Hinsicht ist Nadine Shah eine familien- und nervenfreundlichere Variante von Chelsea Wolfe. Fallen in China jetzt reihenweise die Reissäcke um, muss ein neues Radpatent eingetragen oder gar eine Fußnote der Musikhistorie aktualisiert werden? Nö. Aber vielleicht sollte man das Halten eines erreichten Niveaus einfach auch mal würdigen.

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