Nadine Khouri „The Salted Air“ / Review

Weitgereist, filmisch arrangiert, meditativ: Nadine Khouris Debütalbum schafft ein ganzes Universum.

Wenn nicht nur Musik in der Luft liegt, sondern auch Salz, kann das zwei seelenverwandte Gründe haben – Tränen oder Salzwasserwogen. Kurzum: Naturgewalten. Das ist der metaphorischste, aber gleichzeitig auch kürzeste Weg zur Stimme von Nadine Khouri. In Beirut geboren, während des Bürgerkriegs mit ihren Eltern nach England geflüchtet, seitdem wandering soul, Autodidaktin an der Gitarre, erste Auftritte in der New Yorker Antifolk-Szene des Sidewalk Café. Assoziationen mit Jeffrey Lewis oder den Moldy Peaches führen allerdings in die Irre, man denke eher an Hope Sandoval oder Lhasa de Sela. Oder an Goji-Beeren-Pflücken im Cashmere-Pullover, während die Abendsonne eine Hügellandschaft nachkoloriert, dazu einen Chai-Tee mit extra viel Kardamom.

eine sich symbiotisch um die Schultern legende samtene Stola.

Das triviale Wortspiel, die Künstlerin könne mit ihrem Debüt The Salted Air gleichzeitig Heim- und Fernweh „khourieren“, sollte man sich besser verkneifen – inhaltlich wäre man ihrem Werk damit jedoch sehr nahe gekommen. Sehr nahe gegangen ist ihre 2010 veröffentlichte EP A Song To The City PJ-Harvey-Produzent John Parish, der Khouri prompt einlud, auf seinem Album Screenplay zu singen und nun auch die Entstehung ihres Erstlings begleitete. Live eingespielt, in einem spärlich illuminierten Gewölbekeller, mit vier versierten Musikern und Gästen wie dem irischen Singer-Songwriter Adrian Crowley oder der Violinistin Emma Smith (James Yorkston, Hot Chip). Khouris warme, mitunter arabisch tremolierende Stimme schwebt über allem, die Musik ein farblich perfekt abgestimmtes Passepartout, eine sich symbiotisch um die Schultern legende samtene Stola.

Konsequenterweise setzt die atmosphärisch instrumentierte Begleitung im Opener auch etwas verspätet ein, bei der Zeile „I put my sorrow in a bottle into the sea“. Da sind sie wieder: Tränen und Salzwasserwogen. Die zart pianierte, von Streichern umsäumte Ballade „Jerusalem Blue“, das mystisch-dramatische „Daybreak“ oder das unerwartet perkussive „Shake It Like A Shaman“ – es sind zehn weitgereiste, filmisch arrangierte, meditative Stücke. „Lost Continents“ sollte das Album ursprünglich heißen, der Titel wurde aber zurecht verworfen. Khouri erschafft schließlich ein ganzes Universum.

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