Nadia Struiwigh „Whrru“ / Review

Nadia Struiwigh präsentiert auf ihrem zweiten Album Whrru einen wunderbaren elektroakustischen Genre-Hybriden aus schillernden Synth-Netzen, stoisch gezupften Barockgitarren und allerlei raffinierten Sample-Fundstücken aus dem wilden Weirdistan.

Kein Esogesäusel, keine Musik zur Stille, keine Mystik im Sparpack, keine postapokalyptischen Ruinenlandschaften, keine nachreligiösen Formen innerweltlicher Vergemeinschaftung, keine Musik für Flughäfen, Fahrstühle, Schafotte oder Infotainment-Sendungen über das Geheimnis der Pyramiden. Aber auch kein isolationistischer Schwarzlichtminimalismus, kein posthumanistisches Schaltkreisächzen und keine den Fehler zum Ritter schlagende Ästhetik des Versehrten aus dem Geiste des heiligen Glitch. Aber was denn dann?

Aphex Twin als Verstörungs-Finish.

Nun, die Holländerin Nadia Struiwigh präsentiert auf ihrem zweiten Album Whrru einen wunderbaren elektroakustischen Genre-Hybriden, der schillernde Synth-Netze, sanft und stoisch gezupfte Barockgitarren sowie allerlei raffinierte Sample-Fundstücke aus dem wilden Weirdistan zu einem einzigartigen Kunstwerk voller bezaubernder Melodiebögen verwebt. Dabei ist die als DJ und Produzentin arbeitende, nomadische Atmosphäreneinsaugerin mit einem seltenen Gespür für kinematografische Dramaturgie begabt. Streifte sie mit ihrem letztjährigen Debütalbum Lenticular in Sound- und Beatgepräge noch jene Listening-Techno-Gebiete, die Anfang der Neunzigerjahre von der Artificial-Intelligence-Reihe des Warp-Labels kartografiert wurden, so träufelt sie nun ein wenig Hauntology hier, ein bisschen kosmische Krautsynths da und einige homöopathische Dosen Aphex Twin als Verstörungs-Finish in den Zaubertrank.

Mit ihren im Albumverlauf immer gespenstischer werdenden, zuweilen gar giftig bratzenden, doch nie in Rezeptionsarbeit ausartenden Drones begibt sie sich aber auch in pantheistische Magick-Gefilde, die man von Industrialprotagonisten wie Nurse With Wound oder Coil kennt. Zwanglos verbindet Struiwigh rhythmische Dynamik mit melodischem Cocooning, Tempo mit heftiger Stille, ohne laut „Experiment!“ zu schreien. Vielleicht muss man unsere fremde und seltsame Welt gar nicht wieder verzaubern. Vielleicht reicht es schon, sie ab und an durch die musikalischen Augen einer jungen Holländerin wahrzunehmen.

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