Nadia Reid live / Feature aus SPEX N° 365

In der zweiten Maihälfte kommt die neuseeländische Folk-Songwriterin Nadia Reid zum ersten Mal nach Deutschland. SPEX hat sie im vergangenen Winter porträtiert.

Brillen wie die von Nadia Reid sind Familienschätze, man kann sie nicht kaufen, sie werden von Generation zu Generation weitervererbt. Oder man findet sie im Fachgeschäft, Omaabteilung, Auslaufmodell, Sonderangebot. Reid ist vor drei Jahren über ihr spektakuläres Modell gestolpert, bei Specsavers in Wellington, sagen wir es doch. Nun trägt sie die Brille auf dem Cover ihres Debütalbums Listen To Formation, Look For The Signs und dazu einen Blick, der mehr sagt als tausend Worte, nämlich: Grmpf.

Es hat schon Leute gegeben, in Kneipen und neuseeländischen Tageszeitungen, die wegen der Brille gefragt haben, welcher christlichen Sekte Reid angehöre. Die Künstlerin war nur auf einer Waldorfschule, kann aber wenigstens bestätigen, dass es ihr ein bisschen wie Bono geht: »Ich fürchte, die Brille ist zum Trademark geworden. Ich könnte sie gar nicht mehr absetzen.«

Bono heißt eigentlich Paul David Hewson, und Nadia Reid heißt eigentlich Nadia R. O’Reilly. Sie ist 24 Jahre alt, hat schon in allen neuseeländischen Großstädten außer Auckland gelebt und schreibt gerade ihr zweites Album, während das erste mit einjähriger Verspätung in Europa erscheint. Listen To Formation, Look For The Signs enthält neun ganz einfache Folksongs über ein paar schwere Jahre.

Die meisten davon sind 2012 entstanden, nachdem eine Reihe teils heftiger Erdbeben Reids damalige Heimat Christchurch erschüttert hatte. Die Stadt im Osten der neuseeländischen Südinsel habe sich damals fundamental verändert, sagt Reid. »Die Menschen zogen entweder weg, oder sie wurden waghalsiger und rücksichtsloser. Ganz Christchurch schien plötzlich zu saufen. Ich war neu in der Stadt und zunächst wie traumatisiert. Dann hatte auch ich meine draufgängerische Phase.«

Auf Listen To Formation, Look For The Signs erinnert »Just To Feel Alive« daran, ein beinahe stillstehendes Stück über wilde Tiere, die Belastbarkeit von Wirbelsäulen und Gelegenheitssex. Reid singt es, als fände sie all das gleichschlimm. Es wundert einen nicht, dass sie dem Wiederaufbauprojekt Christchurch den Rücken kehrte, erst nach Wellington, dann nach Dunedin ging und heute über die Menschen schreibt, die man auf den Reisebusstrecken zwischen diesen Städten trifft.

Ihr zweites Album soll krachiger und kaputter klingen, so vielleicht wie der Bonussong »Holy Loud«, der der Europaversion ihres ersten hinzugefügt wurde. Aktuelle Konzerte dokumentieren den Zwischenstand: Reid hat dafür eine Band zusammengetrommelt, spielt aber doch die alten leisen Songs am liebsten. »Weil ich bei denen gar nichts mehr fühle«, wie sie sagt. »Wenn ich heute auf der Bühne stehe, muss ich die Gefühle von früher vortäuschen. Das gefällt mir. Ich finde es beruhigend, dass Songs mit der Zeit ihre Intensität verlieren.«

Nadia Reid live
18.05. Schorndorf – Manufaktur
19.05. Berlin – Monarch
23.05. Hamburg – Clubheim
26.05. Köln – King Georg

Dieser Artikel stammt aus SPEX N° 365. Das Heft ist weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

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