Nacht aus Stahl und Strobo: Bochumer Ritournelle in der Rückblende

Alle Fotos: Marcus Simaitis / Ruhrtriennale 2016

Kulturindustrie? Industriekultur! Am vergangenen Samstag wurde die Ruhrtriennale in Bochum mit der elektronischen Festivalnacht Ritournelle eingeläutet. Höhepunkte: Oneohtrix Point Never, Peaches und Moderat. SPEX präsentierte – und war vor Ort.

Alles fängt an mit ein wenig Theorie: Zum Auftakt des Festivals der Künste liest Jens Balzer liest am frühen Samstagabend aus seinem gerade erschienenen Buch Pop. Ein Panorama der Gegenwart – darin porträtiert er unter anderem das Berghain als kulturindustriellen Nicht-Ort. Das Prinzip der Umnutzung ehemaliger Maschinenhäuser findet man nicht nur im Clubkontext wieder. Es ist im Konzept der Festivalnacht Ritournelle, die ihm Rahmen der Ruhrtriennale 2016 stattfindet, fest verankert. Das Festival der Künste funktioniert ehemalige Kokereien und Kraftzentralen auch in diesem Jahr zu Konzertlocations für elektronische Acts um.

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Imposanz aus Stahl: Mainstage der Ritournelle

Mit der Aura des Berghains, das bekanntermaßen durch Fotografieverbot Anonymität verspricht, haben die Veranstaltungsstätten der Ritournelle jedoch kaum etwas gemeinsam. Um sich ausschließlich auf sich selbst konzentrieren zu können, ist vor allem die Architektur der Jahrhunderthalle (an diesem Abend Mainstage) nicht nur zu weitflächig, sondern dank ihrer Stahlkonstruktion auch viel zu imposant. Hier eröffnet Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never aus Los Angeles das Programm mit Soundklotz-Melodik.

Auch in den Pausen zwischen den Songs, in denen sich Lopatin unmittelbar an das Publikum wendet, bleibt seine Stimme verzerrt. Konsequent präsentiert er sein sperriges Konglomerat aus Drone, Kraut und zerhackten Beats – das sorgt für sichtbare Verwirrung, aber keinesfalls abgeneigte Gesichter. Der Produzent selbst verschwindet während seiner Performance nicht selten im Nebel – Demonstrationen künstlerischer Unnahbarkeit.

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Oneohtrix Point Never (hier nicht im Bild: Nebel)

Ein Fremdwort für Peaches. Sie sucht konsequent den Kontakt zum Publikum, lässt sich von den ersten Reihen sogar durch die ehemalige Maschinenhalle tragen, kehrt das Persönliche und Sexuelle nach außen. Bei ihrer zitatreichen One-Woman-Show bekommt Peaches lediglich von einem Tanzduo Unterstützung, das sich in Plüschvaginas hüllt oder in hautenge Latex- und Leder-Outfits zwängt. Aber Peaches wäre nicht Peaches, wenn ihre Dramaturgie nicht auch immer wieder als entlarvender Kommentar auf konventionelle Geschlechterzuordnungen zu lesen wäre. Das schrille Electroclash-Set, das sämtliche Hits wie »Fuck The Pain Away« und »Talk To Me« mehr als solide abfeiert, endet pathosfrei mit einer kräftigen Sektdusche ­­– von der Kanadierin selbstverständlich gestenreich in Szene gesetzt.

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»Talk to me«: Peaches fordert und liefert.

»Seid umschlungen«, dem übergeordneten Motto der Ruhrtriennale, werden aus künstlerischer Perspektive aber letzten Endes nur Moderat gerecht. Die Fusion von Modeselektor und Apparat liefert eine intrinsische Mischung aus Zeitlupentechno und mächtigen Bässen. Das Konzert des Berliner Trios um Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary pendelt eindrucksvoll zwischen sphärischer Schwermut und druckvollen Passagen. Letztere stammen vor allem vom Debüt der Band, auf dem die Berlin-geprägten Technowurzeln von Modeselektor noch deutlicher zu identifizieren sind als auf dem aktuellen Album III.

Dass sich die Publikumslieblinge auf der Bühne sichtlich wohlfühlen, könnte auch daran liegen, dass sich Modeselektor ob des Industriecharmes der Halle selbst an den Start ihrer musikalischen Laufbahn erinnern dürften. Als Kinder der Neunzigerjahre kamen Bronsert und Szary mit der Beatkultur nämlich nicht über das alles archivierende Internet in Kontakt, sondern über selbstorganisierte Veranstaltungen in Industrieanlagen und Kellern. Die karge Jahrhunderthalle wird bei Moderat nun allerdings von blendendem Strobo erleuchtet, auf dem Bühnenhintergrund begleiten die epischen Elektronika unentwegt Visuals, die einem bereits aus den Videos der Gruppe bekannt sein könnten und aus der Feder der Berliner Grafikgruppe Pfadfinderei stammen.

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Moderat umschlingen und werden erleuchtet.

Nach Moderat geht es auf drei Floors weiter, die um den Industriekomplex herum verteilt sind und deren Programm zum Teil auch von der lokalen Kulturszene des Ruhrpotts mitorganisiert wurde. So wirkt beispielsweise der Goethebunker als Essener Clubinstanz am Programm des Wasserturm-Floors mit, auf dem das Duo Âme strikten House präsentiert, während der Brite Ben UFO in seinem Set auch Dubstep einbettet. In der grauen Turbinenhalle dominieren hingegen experimentelle und stoische Spielformen von Techno, angeführt von den Raster-Noton-Labelgründern Alva Noto und Byetone. Auf dem dritten Floor sorgen Guy Dermosessian vom frisch gegründeten Bochumer Plattenlabel Kalakuta Soul Records und das Hoodoomobil DJ-Team mit Funk- und Soulklängen für ein gelungenes Kontrastprogramm zum Genre-Schwerpunkt. Fazit: Auch der diesjährigen Ritournelle-Ausgabe ist es gelungen, renommierte elektronische Acts und postindustrielles Milieu miteinander zu verschmelzen – und so ambitioniert in Aussicht zu stellen, dass Industriekultur keineswegs etwas mit Kulturindustrie zu tun haben muss.

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