Scott Walker ist tot. Und hinterlässt ein Werk, für dessen Erkundung es ein ganzes Leben braucht. Weil er zeigte, was Musik kann, wenn man sie von jeglicher Referenz befreit.

1967 singt Scott Walker mit gerade mal 24 Jahren: „My death waits like / A bible truth / At the funeral of my youth / Weep loud for that / And the passing time”. Die Worte stammen ursprünglich nicht von ihm, es handelt sich bei dem Stück „My Death“ um eine Übersetzung von Jacques Brel, auf dessen Musik Walker, zu diesem Zeitpunkt erschöpft vom kometenhaften Aufstieg seiner Walker Brothers, die er erst drei Jahre zuvor mit Gary und John Walker gegründet und jüngst wieder aufgelöst hat, gerade gestoßen ist.

Brel sollte in dieser Phase, weg von der Boygroup, hin zum mysteriösen Solokünstler, so etwas wie ein Wegweiser für Walker werden, der dem jungen Mann aus Hamilton, Ohio zu einem neuen Musikverständnis verhilft. Auf seinem Solodebüt Scott, dem ersten von den 1967 bis 1969 erschienenen und nur mit seinem Vornamen betitelten vier Soloplatten, singt Noel Scott Engel, so Walkers bürgerlicher Name, gleich mehrere Stücke von Brel.

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Hendrik Otremba: Scott (100×70 cm, Öl, Tusche, Aquarell auf Papier), 25.3.2019.

„My Death“ aber markiert wohl am deutlichsten, wie sich Walker thematisch und auch klanglich immer konsequenter der Dunkelheit zuwendet, eine Tendenz, die sich schon auf den von ihm geschriebenen B-Seiten der Walker Brothers angedeutet hatte und sich in den folgenden Jahrzehnten immer drastischer zuspitzen sollte. Und bei genauerer Betrachtung bereits im größten Hit der Walker Brothers zu finden ist: „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“.

Doch der Welthit ist Schnee von gestern, der dürre Wahl-Engländer, der schon zu dieser Zeit stets hinter einer Sonnenbrille anzutreffen ist, interessiert sich nicht mehr für kreischende Teenager. Hat er eigentlich nie. In sich gekehrt und in produktiver Höchstgeschwindigkeit findet er seine Inspiration vielmehr bei Ingmar Bergman, T.S. Eliot, im Existentialismus und im Studium gregorianischer Chorgesänge. Was folgt, ist ein irrer Ritt, vier Alben in nur drei Jahren, die bis auf das letzte, Scotts frühes Meisterwerk Scott 4, alle von kommerziellem Erfolg gekrönt sind, obwohl ihr Interpret entgegen der Gesetzmäßigkeiten des damaligen Showbiz immer introvertierter auftritt.

Misserfolg eines Meisterwerks

Ab Scott 3 überwiegen Eigenkompositionen, die Walker mit dem Produzenten und Arrangeur John Franz ausarbeitet. Die dunkle, baritone Stimme, die in sich zu ruhen scheint und gleichzeitig fernab von allem aufsteigt und fällt, wirkt wie ein einsamer Vogel im Sturm, der flattert und gleitet, in die Höhe gepeitscht wird von dem, was Walker da mit unsagbarer Intensität besingt – Teufel, Krieg, Stalin –, um dann wieder sanft auf epischen Streicher_innenarrangements zu landen. Hört man sich diese Stücke heute mit dem Wissen um die weitere musikalische Laufbahn Walkers an, fällt die Ernsthaftigkeit auf, die bereits in diesem frühen Solowerk zu finden ist.

So bewundernswert es auch ist, dass da ein junger Mensch eine Konsequenz gezogen hat, um seinen künstlerischen Ansprüchen zu folgen: Scott 4 bleibt unter dem Radar, wird irgendwann vom Label Philipps sogar aus dem Katalog genommen. Die Musikindustrie dieser Zeit ist komplex, es gibt viele denkbare Gründe für den anfänglichen Misserfolg dieses später gefeierten Albums.

Sicher ist nur, dass das Scheitern von Scott 4 eine Zäsur im Schaffen des Sängers bedeutet. Eine, die deutliche Spuren hinterlässt, Narben, die er bis an sein Lebensende tragen sollte. In den folgenden Jahren sorgt das dafür, dass Walker nur noch seichte Alben schreibt und wieder vermehrt Coverstücke singt: Die siebziger Jahre sind bei ihm geprägt von middle-of-the-road-Pop mit Country-Anleihen. Die Aufnahmen seiner Stimme und die Songauswahl lassen durchklingen, dass er die Platten in der Hoffnung macht, bei seinem Label wieder mehr Erfolg zu generieren, einzig zu dem Zweck, seine Selbstbestimmtheit zurückzugewinnen.

Doch es funktioniert nicht. Walker selbst empfindet die Siebziger künstlerisch als vertane Zeit, wie er später sagt. Die fünf Alben von ‘Til The Band Comes In bis We Had It All lassen trotzdem einige wunderschöne Entdeckungen zu, besonders Erstgenanntes und The Moviegoer verdienen einen zweiten und dritten Blick. Doch Walker ist unglücklich, trinkt viel, schluckt Tabletten, schleppt sich passiv durch die Tage. Die Musik ist in dieser Phase freundlicher denn je, hinter der Sonnenbrille jedoch versteckt sich ein zweifelnder Mann mit Depressionen.

Unbekümmertheit gegenüber den Konventionen 

Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals: Im Vergleich mit dem Spätwerk betrachtet, sind diese Platten die viel kaputteren, dunkleren Alben – weiß man doch, dass sie kaum weiter weg sein könnten von dem, was ihr Interpret eigentlich wollte.

Auch eine über drei Alben andauernde Reunion der Walker Brothers beendet das Übel nicht, das Walker durchlebt. Auf dem unsagbar komischen Cover von No Regrets sehen wir eine Band, die das, was sie da tut, nicht mehr ernst nimmt. Walker hält eine Dose Bier in der Hand, die andere streckt er, abgewandt lachend, der Kamera entgegen, bedeckt so sein Gesicht. Aber die Wiedervereinigung mit den Walker Brothers scheint zumindest ein wenig Erheiterung zu bringen, auch wenn Walker die Öffentlichkeit weiter meidet. Nach zwei Alben, besagtem No Regrets von 1975 und ein Jahr später Lines, geht das Label GTO pleite. Ein Umstand, der für Walker eine ungeahnte Rettung bedeuten soll.

Das letzte Album der Walker Brothers, Nite Flights aus dem Jahr 1978, markiert einen deutlichen Wendepunkt in seiner Karriere. Niemand redet den nicht miteinander verwandten Brüdern Scott Engel, Gary Leeds und John Maus rein in das, was sie da machen, und kurzerhand teilen sie die Platte auf: Jeder Brother schreibt vier Songs, die Drittel folgen aufeinander. Scotts Stücke machen den Auftakt und gehören zu der besten Musik, die jemals durch seine Feder entstanden ist.

Was sich in seinem heimlichen Meisterwerk Climate Of Hunter von 1984 fortsetzt, ist hier bereits angelegt, glänzt in der Umsetzung und lebt von der Originalität, die durch eine Art Unbekümmertheit gegenüber den Konventionen der Pop-Musik entsteht: Die Instrumente scheinen gegeneinander zu arbeiten, die nun immer mehr tenore Stimme, der man die Leiden der letzten Jahre anhört, befindet sich scheinbar in einem anderen Raum, ruft rüber: „Ich brauche keine Struktur mehr.“

Eine neue Art des Hörens

Die vier Songs bewegen sich auf den Abgrund zu, rutschen ab. Im nächsten Augenblick treiben sie in Richtung eines düsteren Himmels und finden ihren strahlenden Glanz im Mondlicht. Nite Flights und Walkers Solo-Comeback Climate Of Hunter, bei dem die Musiker isoliert voneinander aufnahmen und tatsächlich nicht wussten, was die anderen spielen, markieren einen vorläufigen Höhepunkt, wenn es um die Originalität in der Formsprache geht, die Walker Zeit seines Lebens für sich entwickelt.

Climate Of Hunter ist dabei so etwas wie der Chiasmus in Walker Schaffen, hier kreuzt sich die Schule der Popmusik mit seiner Nähe zur Avantgarde. Doch das alles hilft Walker nur bedingt weiter: Die beispiellose und bisweilen verstörende Musik verschreckt die alten Fans. Und so markiert das einzige Album der achtziger Jahre den kommerziellen Tiefpunkt seiner Karriere.

Es folgt eine Zeit der Stille und des Rückzugs, bis nach elf Jahren ein Walker auf der Bildfläche auftaucht, der nun mit nichts mehr zu vergleichen ist: Tilt (1995) ist das erste von drei dunklen, opaken Werken, die nicht nur im Syntagma Scott Walker völlig rausfallen. Mit seinem eigenwilligen Comeback, dem elf Jahre später folgenden The Drift und Bisch Bosch von 2012 hat Walker eine neue Form von Musik erschaffen, die nicht nur Kritiker_innen immer wieder zu der Frage führt, ob das überhaupt noch Musik sei, was der nun stets unter einer Baseballmütze versteckte Walker da mit obskursten Gerätschaften und Materialien, dissonanten Streicherarrangements und virtuosen Studiomusiker_innen aufgenommen hat.

Man will antworten: „Natürlich ist das Musik, es erfordert nur ein neues Hören!“ Jedes der Stücke aus Walkers Spätwerk ist so voller dunkler Ecken, loser Enden und tiefer Abgründe, dass es mit der Zeit immer unbehaglicher wird, um einen zu wachsen scheint, sich erhebt, bis man darin zu verschwinden droht. Niemand leitet einen durch diese Songs, man ist auf sich allein gestellt.

Seit den Neunzigern gibt Scott Walker damit ein Beispiel, welche Möglichkeiten in der Musik schlummern, wenn man sich nur von jeglicher Referenz befreit. Es gelingt Walker hier, was er sich immer gewünscht hat. Mit seinem Spätwerk hat er eine eigene Welt kreiert, hat neue musikalische Erzählformen erschaffen, voller Wendepunkte und makaberem Humor, in denen sich die Bedeutungsebenen überlagern, unterwandern, irritieren. Damit hat er vielleicht viele seiner alten Fans im wahrsten Sinne des Wortes verschreckt, doch gleichzeitig ist – trotz konsequenter Bühnenabstinenz – eine neue Hörerschaft entstanden, die dem phantomhaften Industrial-Crooner folgt wie dem apologetischen Guru einer Sekte.

Ein Ausnahmekünstler der Gegenwart

Gegen Ende seines Lebens steigert sich die Frequenz der Veröffentlichungen Walkers. Er scheint sich zu beeilen, komponiert einige Theatermusiken und Soundtracks (dieser Aspekt seines Schaffens würde hier den Rahmen sprengen, daher sei nur die Hörempfehlung ausgesprochen, sich einmal den gleichnamigen Score zu Leo Carax‘ Film Pola X vorzunehmen). Spätestens, als er 2006 mit 4AD ein Label gefunden hat, dass seinen Eigensinn fördert, statt ihn zu sabotieren, entwickelt er immer größere Ambitionen, die zuletzt in einer Kollaboration mit Sunn O))) (Soused, 2014) münden, einem Album, mit dem sich der sonst so selbstkritische Künstler auch in Interviews ungeahnt zufrieden gibt. Scott Walker hat als alter Mann scheinbar zu seiner gewünschten Form gefunden, die er nun füllen möchte.

Sein im letzten Jahr erschienenes Buch Sundog, eine vom Autor selbst äußerst streng kuratierte und typografisch aufgearbeitete Auswahl seiner Texte, die in Walkers Kompositionen seit jeher der Ausgangspunkt seines musikalischen Schaffens sind, führt einige Lyrics auf, gewohnt von jeglichem Reimschema oder Zugänglichkeit befreit, die unter dem Titel „New Music“ versammelt sind. Sie lassen, in ihrer Form mehr denn je lautmalerisch und vieldeutig, etwas Großes erhoffen.

Doch die Zeit holt Scott Walker ein. Am 22. März stirbt er im Alter von 76 Jahren in England. So endet die turbulente, über ein halbes Jahrhundert währende und wendungsreiche Schaffenszeit eines der größten Sänger und Ausnahmekünstler der Gegenwart jäh und schmerzhaft. In „My Death“« sang er 1967 weiter: „But whatever is behind the door / There is nothing much to do / Angel or devil I don’t care / For in front of that door / There is you“.

Der Tod des Musikers ist die Geburt der Hörer_in, und Walker hinterlässt ein Werk, für das es schon ein Leben braucht, um es zu erkunden. Wie hat er das nur geschafft?