Nach zehn Jahren Schweigen

Spex #314 liegt seit dem 18. April am Kiosk. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Editorial Spex #314
Frühling in Berlin, immer wieder und wieder

(Foto: © Max Dax / SPEX)

Seit Spex in Berlin erscheint, hat kein Artikel die Leser so beschäftigt wie unser Interview mit Claude Lanzmann in der letzten Ausgabe – nimmt man die Anzahl der Leserbriefe, Emails und persönlichen Kommen tare, die uns erreichten, als Maßstab. Sehr gefreut hat uns, dass der französische Regisseur auf Einladung von Spex für vier Tage nach Berlin kam und die beiden Screenings seines Films »Shoah« im Kino Arsenal am Potsdamer Platz besuchte. Nicht nur, dass die Vorführungen – trotz Streik im Öffentlichen Nahverkehr – bis auf den letzten Platz ausverkauft waren: Claude Lanzmann war sichtlich beeindruckt, dass das Publikum deutlich jünger war als sonst bei Vorführungen des Films. Er bat um den Abdruck der folgenden Notiz: »Die jungen Menschen müssen diesen Film sehen, die Shoah darf nicht in Vergessenheit geraten. Ich freue mich, dass viele Leser der Spex der Ankündigung gefolgt sind und sich ihrer eigenen Vergangenheit gestellt haben.« Eine Auswahl der Leserbriefe ist in dieser Ausgabe auf Seite 16 abgedruckt.

    Wir freuen uns über jeden an redaktion @ spex.de geschickten Leserbrief, egal, ob Lob oder Kritik der Anlass sind. Schließlich geht es in diesem Magazin immer um kritische Reflexion und Horizonterweiterung – indem der Blick nach vorne gerichtet ist, Haltungen aber grundiert sind von einer Auseinandersetzung mit der Geschichte.

    Eine bemerkenswerte Reflexion über die jüngere Vergangenheit ist unsere Titelgeschichte über Portishead, die um ein Haar gar nicht ins Heft gekommen wäre – gestaltete sich ein Fototermin mit dem Trio lange Zeit doch als geradezu unorganisierbar. Eigene Fotos und somit ein eigener Blick jedoch sind essenziell für das Selbstverständnis der Spex. Einer der Gründe, weshalb Spex anders ›aussieht‹ als andere Magazine, liegt eben darin, dass wir keine Bilder verwenden, die andere auch benutzen – vulgo: ›Promobilder‹. Doch dann kam der Anruf, dass Portishead auf dem Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin Neukölln, dem Drehort ihres neuen Videos, unserem Fotografen Christoph Voy doch für eine Fotosession zur Verfügung stünden. So konnten wir das fantastische neue Album »Third« von Portishead zum Anlass nehmen, über jene zehn Jahre zu meditieren, die vergangen sind, seit sich die Band 1998 von der Bildfläche verabschiedete. Selten hat uns die Rückkehr einer Band so positiv überrascht – und selten erleben wir es, dass eine Sammlung von Songs so viele Ideenwelten, Querverweise und Befindlichkeiten antriggert.

    Neben Portishead findet sich in dieser Spex auch der dritte Teil unserer unregelmäßigen Serie »Digitale Evolution«. Dieses Mal sprachen wir mit Friedrich Kittler, Professor für Ästhetik an der Humboldt-Univeristät zu Berlin, Christoph Gurk, Dramaturg an der Berliner Volksbühne, und Elizabeth Markevitch, Gründerin des Kunstfernsehkanals ikono.tv. Alle drei machen sich aus ihrer jeweiligen Perspektive Gedanken über Chancen und Gefahren, die einher gehen mit den Umwälzungen im Zuge der immer weiter greifenden Digitalisierung unserer Gesellschaft.

    Alles ist mit allem verknüpft, wir leben in einem gigantischen Bezugssystem – es ist interessant zu lesen, wie unsere drei Gesprächspartner, obwohl sie über unterschiedliche Aspekte der digitalen Evolution sprechen, in zentralen Punkten zu ganz ähnlichen Einschätzungen unserer Gegenwart kommen. »Philosophisch gesehen«, sagt Friedrich Kittler, »geben wir die Musik auf und bekommen im Tausch die Welterinnerung.« Ein hoher Preis?

    Überraschend starben im März Walter Baumann und Klaus Dinger. Walter Baumann, Jahrgang 1950, war ein Freund und Kollege von uns, Initiator und Art Director des Magazins der Frankfurter Rundschau, Herausgeber der Kunstmagazine »Der Neger« und »Rogue«, Veranstalter der ersten Throbbing-Gristle-Konzerte in Deutschland, zeitweise Musiker bei Minus Delta T. Am 2. Mai 2003 war er nach einem Hirnschlag ins Koma gefallen, aus dem er nicht wieder erwachte. Er starb am 26. März. Klaus Dinger war 1970 für kurze Zeit Schlagzeuger bei Kraftwerk, die er bald darauf gemeinsam mit Michael Rother verließ, um mit ihm in Düsseldorf die Band Neu! zu gründen und später mit La Düsseldorf enormen kommerziellen Erfolg zu erleben. Dinger starb am 20. März im Alter von 61 Jahren an einem Herzinfarkt. Unser Beileid gilt den Hinterbliebenen.

    Unser Blick weist derweil in die Zukunft: Mit Geschichten über Boris, Kelley Polar, MGMT, Dominique, Camille, DJ Donna Summer, die Born Ruffians und Guilty Simpson widmen wir uns in angemessener Ausführlichkeit Musikern, die explizit für neue musikalische Ansätze stehen und die künstlerischen Disziplinen radikal zusammendenken. Der euphorisch-postmodernen Wiener Rockband Ja, Panik sprachen wir gar das »Album der Ausgabe« zu – als erster deutschsprachiger Band übrigens, seit Spex in Berlin erscheint.

Der Frühling kann kommen!

Max Dax

Spex #314, seit dem 18. April am Kiosk. Abonnenten sind klar im Vorteil: schon fünf Tage früher hat man das aktuelle Heft samt beiliegender Spex-CD im Briefkasten, sechs Ausgaben, sechs Hefte und zwei exklusive Abonnenten-DVDs bekommt man schon ab 25 Euro. Deshalb: Spex abonnieren.

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