My Morning Jacket The Waterfall

Lernen endlich sich selbst zu lieben: My Morning Jacket durchbrechen auf The Waterfall ihr Muster der Musterlosigkeit.

Entweder glauben My Morning Jacket an ständige Neuerfindung und Selbstoptimierung, was total ätzend wäre. Oder sie haben ihren Dreh nach beinahe 20 Karrierejahren immer noch nicht raus, was sie eigentlich ganz sympathisch machen würde. Die Platten der aktuell fünfköpfigen Band aus Louisville klingen nicht einfach nur jedes Mal anders, sondern wie eine Verneinung des jeweiligen Vorgängers. Auf das Duelling-Banjos-Gegniedel von It Still Moves (2003) folgte das disziplinierte Z (2005), ein Album, das My Morning Jacket besser mal Kentucky Fried Coldplay genannt hätten. Auf Kentucky Fried Coldplay folgte Evil Urges (2008), der ebenso überdrehte wie missglückte Versuch, eine Prince-Platte mit Neil-Young-Gitarren zu machen. Und das Reizende an Circuital (2011) war zuletzt ein allgemeines Flinte-ins-Korn-Feeling, das offenbar die ganze Gruppe ergriffen hatte. Weil es ihnen einfach nicht gelingen wollte, eine anständige Rockband zu werden, schrieben My Morning Jacket eben Trötenpopsongs über Black-Metal-Fans. Mit Kinderchor.

The Waterfall durchbricht dieses Muster der Musterlosigkeit als möglicherweise erste My-Morning-Jacket-Platte von My Morning Jacket. Nichts auf dem siebten Album der Band klingt nach Korrektur oder Retourkutsche. Wie eine Schlange an der Reformhauskasse bewegt es sich ganz gemächlich in die richtige Richtung, verfolgt von leichtem Moderduft. Sie kennen bereits den Plattentitel, aber wussten Sie auch schon, dass es auf der Platte einen Song gibt, der »Like A River« heißt? Glauben Sie es oder nicht, auch dieses Stück fließt so gemächlich dahin, als würden sich seine Folkpicking-Gitarre und schwelenden Streicher von selbst spielen.

Nun werden die Skeptiker sagen: Platten wie The Waterfall kommen von Rockgruppen, die langsam dick werden. Der honigstimmige und -gesichtige Frontmann Jim James singt außerdem einen ganz schön spirituell erhellten Schmu zusammen, und der Ruf von My Morning Jacket war ohnehin immer besser als ihre Diskografie, wahrscheinlich, weil sie so eine tolle Liveband sind, wenn auch nicht ganz so toll wie Wilco, die auch schon viel mehr Alben des Monats im Rolling Stone hatten, und hey, bring doch mal das neue Heft vom Späti mit! Die Skeptiker haben recht mit all dem, aber sie verstehen nicht, dass es egal ist. My Morning Jacket waren schon immer ein bisschen dick, und The Waterfall ist die Platte, auf der sie lernen, sich selbst zu lieben. So, wie sie sind. Om.

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