My Life Story

1993 hatte die Jungsmusik mit der Genrebezeichnung ›Grunge‹ mit all ihren unschönen ästhetischen Begleiterscheinungen – lange Haare, merkwürdige Bärte, schwitzige Körper, grobe Motoriken – das europäische Festland noch immer fest im Griff. Bis zum Höhepunkt der Brit-Pop-Hysterie mit all den über Bushaltestellen und betrunkene Wochenenden singenden pickligen Jungs in Trainingsjacken war es noch zwei Jahre hin. My Life Story fielen mit dem orchestralen Glam´n´Wave ihrer zweiten Single »Girl A, Girl B, Boy C« – einer eleganten, mit satten Bläsern arrangierten Geschichte über eine Dreiecksbeziehung, mit kraftvoll tremolierender Stimme vorgetragen von einem dezent angepinselten Scott-Walker-Lookalike – daher so komplett aus der Zeit und dem musikalischen Erwartungsrahmen, dass das Stück sowohl im Melody Maker als auch im NME zur Single of the Week gekürt wurde.

    Heute, wo es üblich geworden ist, dass Bands wie Coldplay die Dürftigkeit ihres Songwritings durch großflächigen Streichorchestereinsatz kaschieren, lässt sich die polarisierende Wirkung My Life Storys nur noch schwer nachvollziehen. Eine der wenigen Bands, die zur gleichen Zeit einer ähnlichen musikalisch-ästhetischen Vision folgten, hieß The Divine Comedy. Drei Alben lang gab es das vielköpfige, klassisch geschulte Kollektiv My Life Story um den Charismatiker Jake Shillingford, bevor sich die (Big) Band im Jahr 2000 mit dem deutlich streicherreduzierten und elektronikergänzten Album »Joined Up Talking« (veröffentlicht auf Andrew Lloyd-Webbers Label It Records) verabschiedete. Nach dem 1994 auf dem Indielabel Mother Tongue erschienenen glanzvollen Debütalbum »Mornington Crescent«, welches nur böse Zungen als Kompilation von B-Seiten zu Marc Almonds Breitwand-Streicher-Pop auf dem »The Stars We Are«-Album abtaten, beging man den Fehler des Anbandelns mit der Industrie: In das Nachfolgewerk »The Golden Mile« (1996), das bereits nicht mehr ganz frei von gewissen Elton-John-Haftigkeiten (»You Can´t Uneat the Apple«) war, pumpte Parlophone 650.000 britische Pfund, Kapital, das sich offenbar auch durch fünf Top-40-Singles nicht amortisieren ließ. Der Major trennte sich von My Life Story. Shillingford, um einige Illusionen ärmer, veröffentlicht heute unter dem Namen ExileInside von privaten Mäzenen finanzierten Synthie-Pop, der in seinen besten Momenten an frühe Depeche Mode, OMD und die Pet Shop Boys erinnert. In diesem Jahr soll es das dritte Album geben.

    Zuvor aber dürfen all jene, die My Life Story nicht so recht mitbekommen haben, mit Hilfe zweier prall gefüllter Zusammenstellungen die Entwicklung der Band noch einmal nachvollziehen. »Sex & Violins« bietet – rechnet man den hidden track, das mit barockem Spinett-Intro verfeinerte und gegenüber der Single »12 Reasons Why I Love Her« um fünf Extra-Reasons erweiterte »17 Reasons Why I Love Her« hinzu – auf 18 Stücken einen Überblick über das Schaffen My Life Storys, zu dessen herausragenden Momenten »Girl A, Girl B, Boy C«, das mit ganz großer Geste geschmetterte »Penthouse in the Pavement«, das euphorisierende »Sparkle« sowie der auf einem Elektrochassis servierte lupenreine Pop der späten Single »It´s a Girl Thing« zählen. Wenngleich die Streicher manchmal ins allzu überzuckerte Rondo-Veneziano-Hafte kippen, überkandidelte Chororgien, die klingen, als sänge die Münchener Freiheit Beach-Boys-Songs, kein Maß und Erbarmen kennen (»Strumpet«) und der ein oder andere masturbatorische Rockismus (»If You Can´t Live Without Me Then Why Aren´t You Dead Yet?«) dem Glamour-Konzept in die Parade fährt, macht diese Best-of-CD doch deutlich, dass My Life Story nicht nur für alle girlish boys und boyish girls in mascarafernen Grunge- und Laddism-Zeiten ästhetisch immens wichtig waren, sondern auch wunderschöne Pop-Momente schufen. Leider fehlen neben dem klaustrophobischen »Under the Ice«, dem gravitätisch-opulenten »Forever« sowie »Bullets Fly« – mit der grandiosen Zeile »When bullets fly / I hate to watch you dance« – drei essenzielle My-Life-Story-Stücke vom Debüt.

MyLifeStory    Bei den vierzig Songs, die die Doppel-CD »Megaphone Theology« enthält, handelt es sich um B-Seiten, Demos und Raritäten. Das Album ist in eine ›Going Out‹- und eine ›Staying In‹-CD aufgeteilt – frei nach Shillingfords Idolen Soft Cell, deren »Bedsitter«-Maxi in eine ›Early Morning Dance Side‹ (»Bedsitter«) und eine ›Late Night Listening Side‹ (»Facility Girls«) separiert ist. Hier lassen sich zahlreiche Entdeckungen machen – vom an T.Rex erinnernden Glam-Stomper »Stuck Up Your Own Era«, über das mit schnittigen Bläsersätzen und wirbelnden Philly-Streichern versehene »Waiting to Explode« bis hin zum verspielten Plastik-Pop von »Wallpaper« und der pathetischen, gleichwohl aber ergreifenden Spoken-word-Ballade »I Love You Like Gala«. Die an englische Landsitze erinnernde feudale Streicherballade »Lady Somerset« fehlt ebensowenig wie das als Intro bei Live-Auftritten verwendete pompöse »Florence´s Theme«, eines von vielen Stücken, bei denen man sich ganz ungeniert und -verfroren bei John Barrys James-Bond-Soundtracks bedient hat und das sehr geeignet ist, will man jemandem von einem anderen Stern mal kurz den Begriff ›over the top‹ verdeutlichen. Zudem enthält die Sammlung eines der schönsten My-Life-Story-Stücke überhaupt, nämlich die 1993er B-Seite »Star Colliding«.

    Hervorzuheben sind die gänzlich unschnöseligen, nicht am romantischen Mythos vom inspirierten Genius arbeitenden Kommentierungen Shillingfords, welche teils entwaffnende Einblicke in die Entstehung einzelner Songs gewähren. So heißt es zur Genese des (punk)rockigen Stückes »I´m a Statistic« aufrichtig: »I´ve never been too confident with guitar riffs so I just took the solos from ›Boredom‹ by The Buzzcocks and ›Love is Dead‹ by The Godfathers and combined the two.« My Life Story wussten eben (fast) immer, wo Ehrlichkeit am Platz ist: vielleicht in Booklet-Erläuterungen, doch niemals in der Musik.

LABEL: Exilophone

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 14.09.2007

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