My Disco »Severe« / Review

Das vierte Album verdichtet My Discos absolute Wucht im Minimalismus, lässt den technisch-technologischen Perfektionismus von Rohan Rebeiro und den Brüdern Ben und Liam Andrews erkennen.

Wenn ein Monolith geradezu Kubrick’scher Ausmaße vor einem steht wie hier gleich zu Beginn »Recede«, muss man zunächst einfach staunen. Seit »Emp. Man’s Blues« beziehungsweise »Tribute To« von The For Carnation und »The End Of Radio« von Shellac – zwei Bezugsgrößen, die auf My Disco in jeder Hinsicht zutreffen – wurde man nicht mehr so antirockistisch-rockig begrüßt, so postrockig eben im ursprünglichen Sinne eines anderen Rocks nach dem chauvinistischen Poser-Handwerk à la AC/DC.

Sind nicht ein paar andere Australier einst angetreten, um AC/DC musikkulturalistisch zu vernichten? Welch Zufall, dass auch My Disco von Down Under, nämlich aus Melbourne, stammen und sich nach einem alten Song der ebenso alten Big Black benannt haben. Deren und Shellacs Kopf Steve Albini hat für frühere My-Disco-Alben bereits als Produzent gearbeitet. Nicht so bei Severe, und die Befreiung von der persönlich involvierten Anwesenheit dieser Referenzgröße tut der Band gut. Cornel Wilczek als aktueller Produzent hat den Sound und Rhythmus des Trios verändert, ohne ihn zu verwandeln. Severe ist dunkler, massiver, von bedrohlicher Gelassenheit, unter deren Oberfläche es gärt.

Es ist so wichtig, sich Zeit zu nehmen, schlechte Laune zu kultivieren, im Fall von My Disco sogar zu ästhetisieren. Das vierte Album verdichtet My Discos absolute Wucht im Minimalismus, lässt den technisch-technologischen Perfektionismus von Rohan Rebeiro und den Brüdern Ben und Liam Andrews erkennen, da ähneln sie Albini schon sehr: Ästhetizismus, fast spießerartig, aber auch nur fast, denn es gibt so etwas wie Konzepte und Augenzwinkern unter einer gehörigen Schicht Verstörtheit. »1991« ist ein fast sakrales Stück Postpunk, das man Menschen, die man entweder überzeugen oder ärgern möchte, morgens in fulminanter Lautstärke und sehr basslastig vor die Haustür stellen sollte. Wenn dann jemand das Wörtchen »Depri-Mucke« durch die Klangwand wimmert, weiß man: Das kann kein guter Mensch sein.

Ganz langsam tief ein- und ausatmen. In die Düsternis starren. Ins Nichts. Dann kommt er näher, dieser unpathetisch stampfende Moloch, schleicht auf einen zu. Man nimmt seine Hand und geht eine Weile neben ihm her. Es funkelt. Es nebelt. Es wummert. Sinne verwischen. My Disco gehen da mit einem durch. Sie schneiden den Weg mit ihren Gitarren frei, machen Platz mit Drums und Bass. Und am Ende, auf einer finsteren Lichtung, hören wir anschließend noch das einzige Album von The For Carnation.

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