Mutter – »Ich bin auch kein besserer Mensch.«

Foto: Christian Werner

Das Dutzend ist voll: Seit den Achtzigerjahren veröffentlichen Max Müller und seine Band Mutter in regelmäßigen Abständen Platten, in diesem Jahr erschien Text und Musik – und belegte prompt Platz 6 der SPEX-Alben des Jahres. Den allergrößten Teil dieser Zeit waren Mutter die Band, die keiner kennt. In den vergangenen Jahren wurden sie dann überraschenderweise vom Feuilleton entdeckt und ständig irgendwo erwähnt. Dabei machten und machen Mutter, was sie eigentlich immer getan haben: sehr besondere, kompromisslose Musik. Ein Gespräch mit Max Müller über Alltagsbeobachtungen, King-Kong-Filme und die Hölle Mittelmaß.

Max Müller, du bist seit über 30 Jahren der Kopf der Band Mutter, und fast ebenso lange zeichnest und malst du. Gibt es so etwas wie eine Grundfrage, der du beim Schreiben von Mutter-Liedern und in deinen Bildern nachgehst?
Ich frage mich immer: Wieso muss das so sein? Warum gehen die Menschen so miteinander um? Ich bin ein Mensch, der keine Vorurteile hat. Ich schaue mir alles an. Ich fahre auch in den Osten und schaue mir das an, und ich kann sagen, dass ich mich noch nie so unsicher gefühlt habe wie in Berlin-Köpenick, wo freundliche Muttis mit weißen Springerstiefeln ihre Kinder zum Spielplatz rollen, und wo dem netten Aral-Tankwart eine Nazi-Tätowierung aus dem Overall lugt. Ich gleiche das dann ab mit anderen Erlebnissen. Ich bin etwa vor Kurzem in Neapel gewesen. Viele Menschen leben dort unter echt krassen, deprimierenden Lebensumständen. Und trotzdem begegnet man sich und Fremden wie mir dort mit einer Empathie und Herzlichkeit, die mich umhaut. Diese menschlichen Widersprüche sind das Faszinierendste, was es gibt. Sie auszusprechen erscheint mir ganz normal. Und genauso zeichne und male ich auch. Ich male und zeichne ab, was mir gefällt. Vorlagen sind Fotos aus Zeitungen oder Filmstills aus Noir-Filmen, Kriegsbilder oder Überzeichnungen sexueller Zurschaustellung.

In dem Song »Am Abend« vom neuen Album Text und Musik singst du über Deutschland: »Unten am Ufer, oben auf Brücken / In jedem Park, auf allen Dächern Wein und Bier / Und jede Sprache versteht jedes Gesicht, das zu uns spricht / Endloses Reden bis tief in die Nacht (…) Am Abend gehen wir aus und seh’n die Anderen wie uns selbst.« Ist das auch so eine Eins-zu-Eins-Betrachtung der Welt?
Meine Sicht auf die Welt ist ganz klar. Es gibt keine Ironie und keine falschen Fährten. Alles ist Eins-zu-Eins und meine Meinung. Ich benenne die Sachen, und damit mache ich mich auch sicherlich angreifbarer als wenn ich mich hinter Schutzschildern aus Ironie verstecken würde. Ich möchte ein anderes Lied nennen: »Wer hat schon Lust so zu leben«. Das dürfte das politischste Lied sein, das Mutter in den letzten Jahren aufgenommen haben. In Berlin gibt es viele Sinti und Roma, die putzen einem am Kottbusser Tor ungefragt die Autoscheiben und gehen den Berlinern auf die Nerven. Ein interessantes Phänomen. Alle Flüchtlinge aus aller Herren Länder werden umarmt, aber die Sinti und Roma, die gehen einem auf die Nerven. Dabei ist völlig klar, dass die sich ihr Leid ja nicht ausgesucht haben. Mich haben schon immer die Perspektiven derer am meisten interessiert, die keine Lobby haben, weil keiner Bock hat.

Du singst: »Immun gegen Hass, der schlägt ihnen entgegen / Warum sind sie hier? / Und wollen nicht geh’n?«
Genau. Sie haben keine Lobby.

Aber du nimmst selbst auch nicht die Position des Lobbyisten ein.
Nein, ich bin auch kein besserer Mensch, als die, die hassen. Ich setze mich nicht ein, ich gehe da auch nicht hin und zeige Solidarität. Da habe ich überhaupt keine Lust drauf. Ich habe mich noch nie politisch engagiert. Zugleich habe ich aber auch nicht das Gefühl, dass mir einer etwas wegnimmt, oder dass die Welt Schuld sei an meiner Misere. Mir geht es ja gut. Alles, was ich sage ist: Als Beobachtender bin ich Teil davon, ich bin nicht Außenstehender. Indem ich diesen Umstand in Texte umformatiere, reflektiere ich aber natürlich mein Bestandteil-sein. Insofern ist das »Wir«, das in den Texten für Mutter immer wieder herangezogen wird, zugleich ein Einschließendes wie auch ein Reflektierendes. Ich habe weder Bock so zu leben wie »die«, noch habe ich Lust, so zu leben wie die, die auf »die« schimpfen. Und irritierenderweise geht das Spiel der unklaren Trennlinien ja noch viel weiter, ist alles noch viel verwirrender: Ausgerechnet die Berliner Polizei wird nicht müde zu unterstreichen, dass die Fensterscheibenputzer ein absolutes Randphänomen sind, für das es sich noch nicht einmal lohnt, einen Streifenwagen zu schicken. Mich faszinieren einfach offensichtlich widersprüchliche Situationen, die es einem unmöglich machen, klare Positionen zu beziehen. Ich fühle mich übrigens auch nicht vom Staat Deutschland bedroht oder eingeschränkt. Es hat bei Mutter nie Texte gegeben, die sich gegen die Polizei wenden.

Texten heißt bei dir also Gesellschaftsbetrachtung?
Natürlich. Klar. Alles, was um mich herum passiert, ist interessant. Mehr kann ich auch nicht. Ich bin kein Lyriker, der irgendwelche irren Zusammenhänge, die nicht offensichtlich sind, aufzeigen kann. Ich zeige nur das Offensichtliche.

Inwiefern spielt es eine Rolle, dass du Vater bist? Dein damals 6-jähriger Sohn spielte tanzenderweise die Hauptrolle im Video zum Mutter-Song »Wo die Sonne nicht scheint«. Ich frage, weil das neue Album Text und Musik in seiner Versöhnlichkeit und Empathie an Hauptsache Musik erinnert, ein Album, das jeder zu mögen scheint – nicht zuletzt Kinder.
Vor allem beobachte ich noch einmal mehr und aus wieder anderer Perspektive. Ich habe mit meinem Sohn den Film King Kong und die weiße Frau von 1933 geguckt, da war der vielleicht vier Jahre alt. Alle Eltern aus dem Kindergarten waren fassungslos, wie ich ein Kind so erschrecken könne. Dabei erschreckt mich vielmehr die Selbstbeschneidung der Leute. Immer nur das Beste zu wollen für sein Kind ist im Kern Ausdruck einer Angst, doch soll man sich von Ängsten nicht leiten lassen. Es entsteht einfach gar nichts, wenn man in Film, Musik, Kunst und Literatur stets nur versucht, einen Konsens zu bedienen. Ob Filmförderung, Kindergarten oder Popakademie Mannheim – alles erinnert an Gleichschaltung. Das ist insofern bemerkenswert, als wir keinen unmittelbaren Bedrohungen mehr ausgesetzt sind. Statt dies als ideale Ausgangslage für die Kunstproduktion zu begreifen, beschneiden wir uns selbst und panschen unsere Werke auf Mittelmaß.

Gibt es Gegenbeispiele in Text und Musik?
Ich bin großer Fan von Kanye Wests und Beyoncés letzten Alben. Die Platten sind total geil. In beiden Fällen wird die Komfortzone eingerissen. Bisweilen meine ich, Avantgardemusik zu hören, abstrakte, wilde, komplexe Avantgardemusik. Nimm einen Kanye-Song wie »Blood On The Leaves« oder »Love Lockdown« vom Album davor: Der Song besteht nur aus Bass, Getrommel und gepitchtem Gesang. Und die Leute tanzen dazu, als wäre es das Normalste der Welt. Und das tun sie auch zu »Blood on the Leaves«.

Letzteres ist Kanyes Adaption von Nina Simones »Strange Fruit«. Wie in einer Terre-Thaemlitz-Soundcollage sind in diesem Song verschiedenste Bedeutungsebenen zusammengecuttet und zu bizarrerweise trotzdem funktionaler Tanzmusik prozessiert.
Genau, das gibt Hoffnung. Diese Musik ist so komplex und zugleich so smooth, dass ich ganz schwach werde. Wenn Rock- oder Popmusik so klingt, dann ist ja alles in Ordnung. Das finde ich richtig gut. Da geht es um einen Lynchmord, und die Leute können zu der Musik tanzen! Da gibt es eine Idee und es gibt eine krasse Produktion. So klingt aber in Deutschland nirgendwo Musik. Und auch wenn Mutter ebenfalls nicht so klingen wie Kanye West, so stelle ich doch fest, dass unserer Musik ebenfalls eine Idee zugrunde liegt, die wichtiger ist als alles andere. Es muss eben nicht gleichgeschaltet werden. Gleichschaltung ist nur vorauseilender Gehorsam gegenüber Ängsten, die man sich nicht eingesteht.

Ängste, die in Ermangelung einer wirklichen Bedrohung gehegt und gepflegt werden?
Mein Sohn hat King Kong auf alle Fälle geliebt. Und ich persönlich habe ja auch keine Vorlieben, was Musik betrifft. Ich höre alles. Ich habe früher Missy Elliott gehört und heute eben Beyoncé. Und bei deutschem HipHop schlafe ich ein. Eine deutsche, weiße Stimme hat einfach nie so eine Autorität wie ein US-amerikanischer Rapper.

Du als deutsche, weiße Stimme hast das direkte Benennen dessen gewählt, was du siehst. Damit bist du auf eine Art auch authentisch dir selbst gegenüber. Ist das deine Möglichkeit, den Verlockungen des Mittelmaßes zu widerstehen?
Genau. In meinen Texten steckt manchmal mehr, als ich selber denke. Ich stelle das immer erst hinterher fest, dass dieser Versuch, nur das wirklich Wahre, das echt Gesehene in klare Worte zu fassen, irritierenderweise zu komplexen Doppeldeutigkeiten und Missinterpretationen führt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute Schwierigkeiten damit haben, unverblümte Gegenwartsbetrachtungen als das zu begreifen, was sie sind. Sie flüchten sich dann in die Annahme, es müsse ja wohl von mir ironisch gemeint sein. So uncool, diese Texte ernst zu meinen, könne man ja wohl nicht sein. Genau da fängt es aber an interessant zu werden.

Du meinst: Interessant wird es in der Normalität, so wie Jochen Distelmeyer einst sang: »Kommst du mit in den Alltag?« Der Alltag ist dieser Deutung gemäß das spannendste Abenteuer von allen.
Wir sind normal. Ganz richtig. Die Leute kommen ja auch nicht damit klar, dass wir auf der Bühne nicht die Rockband rauslassen, nicht posen, keine Drogen nehmen oder an den üblichen Orten abhängen. Das passt aber nur in den Augen gewisser Leute nicht. Für mich ist das alles eben gar kein Widerspruch. Du hattest Hauptsache Musik erwähnt. Ich erinnere mich noch, wie die Leute damals die Hände über den Köpfen zusammenschlugen, weil Mutter auf einmal »schöne Lieder« sangen. Ich finde es immer wieder befremdlich, dass man als Künstler an den Maßstäben der Anderen gemessen wird. Anerkennung findet man in diesem Sinne, wenn man die eigenen Erfolge wiederholt – und zwar so lange, bis alle es begriffen haben. So arbeiten die Ärzte und Tocotronic.

Bei Bands wie Kraftwerk, Can oder den Einstürzenden Neubauten kam die Anerkennung über den Erfolg im Ausland.
Wir haben in New York, St. Petersburg und anderswo gespielt, und immer hat es geklappt, auch wenn keiner die Texte verstanden hat. Allerdings muss man dazu auch anmerken, dass wir vermutlich die einzige deutsche Band sind, die nie mit dem Goethe-Institut zusammengearbeitet hat. Das ist aber nicht schlimm und hinterlässt mich im Rückblick vielleicht sogar ein bisschen stolz. Ich bin aber vor allem gleichmütig, was diese Dinge anbetrifft. Die Dinge passieren, wie sie passieren. Hauptsache, ich kann morgens in den Spiegel gucken.

Dieses Interview ist in der Printausgabe SPEX °366 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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