Wie Sie Einmal Waren

mutter-25   Diese Mutter ist momentan eine wahre Gebärmaschine – in den letzten Monaten ihres ersten Vierteljahrhunderts sind von der Berliner Band, die es in ihren ersten 23 Jahren gerade mal auf sieben Studioalben brachte, sage und schreibe vier Platten erschienen. Nach Trinken Singen Schießen, Mein kleiner Krieg und der Kalendermusik, kam nun auch noch das Doppelvinyl-Album 25 auf den – ähem – Markt. »Ähem«, weil Mutter ja eigentlich neben dem Markt ihre eigene, durchaus selbstgewählte Nische bespielen. Wie sagte doch einer ihrer ausgesuchte Stammplattenhändler im Herbst letzten Jahres: »Die neue Mutter? Ich habe die längst bestellt, die Leute fragen ja auch danach. Aber wann ich die bekomme – keine Ahnung. Typisch Mutter halt.«

   Wie sehr die Geschichte dieser 1986 von Max Müller, Florian Koerner von Gustorf, Kerl Fieser und Frank Behnke getauften Band auch eine Geschichte der Widersprüche und Brüche ist, wird mit dem Projekt 25 einmal mehr evident. Es feiert den unrunden Mutter-Geburtstag mit zwanzig in der Regel rohen, bisweilen im Moment entstandenen Stücken aus dem Archiv und verfolgt gleichzeitig die halbironische Selbstweihe als relevantes Kulturgut: die Cover-Gestaltung orientiert sich am Look der frühen Deutschen Grammophon-Veröffentlichungen. Dabei erhebt diese Rückschau keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, ja, sie geht in der Zeit noch hinter das Best Of-Album Das ganze Spektrum des Nichts zurück, das repräsentative Mutter-Stücke aus den Jahren 1989 bis 2005 enthielt. Die früheste Aufnahme auf 25 ist die Hardrocknummer Du veränderst diese Welt, unverkennbar auf einem Riff von The Clash reitend, 1986 auf Kassette mitgeschnitten, live im Berliner Tempodrom während des Spermaton-Festivals. Neben solchen bisher unveröffentlichten Live-Versionen, Rough Mixes und einem Song am Lagerfeuer tauchen auch Spoken-Word-Dokumente auf, u.a. eine Ansage der kalifornischen Radiostation KALX, die »Muhder« aus der Stadt zwischen »West Germany and Russia« begrüßt: sie würden Kontakt zu möglichen Auftrittsorten in San Francisco suchen… Das war 1987 – zwei Jahre bevor Mutter ihr erstes Studioalbum herausbringen sollten. In dieser frühen Phase scheint Mutters Karriereplan über den einer übersichtlichen deutschen Kultgemeinde durchaus hinausgegangen zu sein.

    Von 2001 stammen die jüngsten Stücke auf 25 – das daher eigentlich genauso gut »15« hätte heißen können. Der Grunde ist so einfach, wie vielsagend: 2002 schied Gitarrist und Archivar Frank Behnke aus der Band aus und so wie Behnkes bisweilen brachiales Bordun-Spiel den Mutter-Sound damals prägte, so setzt er mit dieser von ihm kompilierten Auswahl der für ihn eigentlich abgeschlossenen Geschichte zum Jubiläum einen markanten Stempel auf. Nach Behnke wandte sich die Band um Max Müller von der weiteren Verfeinerung ihres Noise-Sounds ab – die Besetzung wechselte und das Instrumentarium wurde breiter – bis hin zum Englisch Horn und zur Querflöte in jüngsten Liedwerken, die – als wollten sie die in ihnen wohnende Weiterentwicklung negieren –  ausgerechnet Die Alten hassen die Jungen (2010) und Wie wir waren (2011) heißen. Behnkes Mutter ist das nicht mehr. 25 erscheint folgerichtig auch nicht auf dem Hauslabel Die Eigene Gesellschaft, sondern auf Mauerstadtmusik. Es ist ein eigenwilliges, durchaus wütendes, aber berechtigten Stolz ausstrahlendes Zwischenzeugnis einer bis heute essentiellen Band.

   Mutter 25 – Archiv des Grauens / Mauerstadtmusik. Die Veröffentlichung wird heute, am 30. Dezember, standesgemäß gefeiert: zwar ohne Band, aber mit Clips und den DJs Thomas P. und Jacques Dubroix im West Germany, Skalitzer Str. 133, Berlin. Der Eintritt ist frei.

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