Tagebuch aus Klang: Jan Wagners „Nummern“ im Albumvorabstream / Interview

Jan Wagner / Foto: Gene Glover

Bisher vornehmlich als Mann hinter den Kulissen bekannt, brauchte es den Produzenten James Varghese, um Jan Wagner dazu zu bringen, seine eigenen Kompositionen an der Schnittstelle von Klassik und Techno auf einem Album zusammenzuführen. Gute Entscheidung: SPEX streamt Wagners Debüt Nummern vorab – und traf ihn zum Interview.

Es war Zufall, dass Jan Wagners Kompositionen aus Klavierspiel und atmosphärischen Techno-Sounds nun als Album an die Öffentlichkeit gelangen. Denn bisher beschränkte sich seine musikalische Karriere vor allem darauf, beim Berliner Label Ostgut Ton die Musik anderer zu mischen. Bis er auf den Produzenten James Varghese traf und ihm einen seiner eigenen Songs vorspielte. Von da an arbeiteten sie gemeinsam daran, Wagners Musik zu einer Platte zusammenzuführen, die nicht nur wegen ihrer melancholischen Klänge, sondern auch, weil sie alltägliche Geräusche wie das Spielen von Kindern und das Maunzen einer Katze integriert, zu einem sehr intimen Debüt wurde. Nummern ist ein musikgewordenes Tagebuch. SPEX traf Wagner zum Interview – und fragte, warum es weder Texte noch bedeutungsvolle Titel braucht, um Emotionen zu wecken und wieso Alltägliches ebenso zur Musik gehört wie eine sonorische Abfolge von Tönen.

Sie sagen, Ihr Debütalbum Nummern soll den Hörer_innen die Freiheit geben, ganz Persönliches in die Melodien zu legen und sich so die eigene Erzählung dazu zu denken. Gleichzeitig sind die Melodien sehr melancholisch und dadurch schon in eine gewisse Richtung gelenkt. Geht es Ihnen also bei aller Freiheit doch um dezidiert schwermütige Geschichten?
Das Jahr 2016, in dem die Songs entstanden sind, war eines voller Höhen und Tiefen. Ich habe mich oft ins Studio zurückgezogen, die Tür zugemacht und mich ans Klavier gesetzt, ohne groß darüber nachzudenken, ob ich jetzt melancholische oder fröhliche Melodien spiele. Es kam einfach aus mir raus. Als ich die Stücke dann engen Vertrauten vorgespielt habe, wurden sie sehr unterschiedlich wahrgenommen. Es waren fast alle Gefühlsregungen dabei. Da wurde mir klar, wie wichtig es ist, die Musik so zu belassen, weil dadurch jede_r etwas Unterschiedliches darin hören kann. Ich finde gerade Instrumentalmusik sollte anregend sein und den Hörer_innen genügend Platz lassen.

Warum folgen die Songtitel nicht einer durchgehenden, chronologischen Nummerierung? Liefern Sie damit Bedeutungshinweise auf abstrakter Ebene?
Mir war immer wichtig, dass die Titel möglichst neutral sind, aber trotzdem etwas aussagen. „Nummer 1“ wäre mir zu einfach und unpersönlich gewesen. Ich wollte, dass jedes Stück einen Namen bekommt, der trotzdem möglichst unvoreingenommen ist. Ein Stück „Wald“ oder „Blumenwiese“ zu nennen, erzeugt automatisch Bilder im Kopf, das wollte ich nicht. Mir gefiel der Kontrast, dass Nummern, also Zahlen, unendlich sind und Buchstaben nicht. Also habe ich sie während der Aufnahmen schlichtweg chronologisch durchnummeriert. Manche Nummern haben es dann aber nicht aufs Album geschafft. Als es um die Songreihenfolge ging, habe ich gar nicht mehr darauf geachtet, welcher Buchstabe nun wo steht.

Warum reduzieren Sie sich nicht auf das Pianospiel und atmosphärische Techno-Klänge, sondern nehmen zufällige Geräusche drumherum mit auf?
Die zufälligen Geräusche gehören für mich zur Musik. Ich wollte immer den Moment einfangen – mit allem, was um mich herum passiert. Die Katze lag während der Aufnahme neben mir und die Kinder haben im Hof gespielt. Oft habe ich vergessen, die Fenster zu schließen, weil ich unbedingt in diesem Augenblick aufnehmen musste. Alles war Teil des Moments und gibt den Aufnahmen so eine zusätzliche Ebene und Tiefe. Für mich wird die Musik dadurch greifbar. Es ging mir nie darum, ein perfekt klingendes Klavier aufzunehmen, das finde ich langweilig. Nachträglich irgendetwas auszulöschen, hätte sich nicht richtig angefühlt.

Erstmals wird eine Produktion veröffentlicht, die ganz Ihre eigene und obendrein eine sehr persönliche ist. Wie fühlt es sich an, nunmehr allein im Rampenlicht zu stehen, während Sie doch zuvor eher als derjenige auftraten, der hinter den Kulissen die Songs mischte.
Es war für mich der nächste logische Schritt. Hinter den Kulissen, oder besser gesagt im Studio ist die Arbeit ja meist begrenzt: irgendwann ist der Mix fertig oder die letzte Spur aufgenommen. Dann hört die Arbeit für mich gewöhnlich auf und jemand anderes arbeitet weiter daran. Jetzt ist es anders und das ist aufregend, es fühlt sich gut an, den Leuten meine Musik zeigen zu dürfen. Gleichzeitig bin ich natürlich nervös, die eigene Musik zum ersten Mal live zu spielen. Es ist meine erste Platte und alles noch Neuland für mich. Ich muss mich auch plötzlich mit Sachen auseinandersetzen, mit denen ich vorher nichts zu tun hatte, wie zum Beispiel Interviews geben. (lacht)

„Nummern“ erscheint am 26. Oktober bei Klangbad/QuietLoveRecords. SPEX streamt das Album schon heute vorab.

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