Musikdoping bei Olympia: Höher, schneller, geiler

»Lose Yourself?« Gewinnertyp Eminem packt im Video schon mal die Muckis aus.

In Rio wird gespritzt, gedopt und beschissen. Richtig, aber längst ein alter Hut. Neu ist bei den Olympischen Spielen, dass auch die Musik Leistung bringen muss – und somit Teil des Dopingsystems wird.

Kunstturnen ist ein schöner Sport. Hockey auch, Fußball sowieso. Und sogar dem Gewichtheben oder dem Ringen kann man irgendwie etwas abgewinnen, wenn man es nur versucht. Zwei Athleten, hautenge Anzüge, eine Matte und nichts als Muskelkraft und perfektionierte Technik, um sich im Zweikampf zu behaupten – Sportsgeist in Reinkultur, könnte man sagen. Wenn es bloß so einfach wäre. Stattdessen haben die diesjährigen Olympischen Spiele im brasilianischen Rio de Janeiro so wenig mit Sportsgeist zu tun, wie noch keine andere sportliche Großveranstaltung vor ihnen (nimmt man die Fußball-Europameisterschaft einmal aus).

Schon im Vorfeld fielen die ersten Sommerspiele auf dem südamerikanischen Subkontinent mehr durch handfeste Skandale auf, denn durch großen Sport. Die halbe russische Olympiamannschaft war von Staatswegen gedopt und darf trotzdem teilnehmen, das Zika-Virus und seine gravierenden Folgen für Schwangere nahmen die Offiziellen ebenso wenig ernst wie die miserable Organisation der Spiele. Dazu wurde das Wasser rund um Rio beispiellos verpestet, in manchen Buchten fand man während der Bauarbeiten für die Sportstätten sogar zuvor nicht bekannte multiresistente Keime.

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Geballte Muskelkraft in der Stimme: Drake appelliert an den Sportsgeist.

Nun bieten die Spiele selbst seit gut zehn Tagen das gleiche Bild: Amerikanische und russischen Schwimmer werfen sich gegenseitig unsaubere Mittel vor, die Mannschaften von Australien und Frankreich schießen gegen 200-Meter-Olympiasieger Sun Yang aus China. Der war 2014 positiv getestet worden und gewann nur zwei Jahre später Gold. Camille Lacourt aus Frankreich dazu: »Der Typ pinkelt lila.« Auch bei den Gewichthebern gewann wenig überraschend ein erst kürzlich überführter Doper. Zufall? Natürlich nicht. Es wird gespritzt, getäuscht und beschissen, wo es nur geht. Sauberer Sport? Nicht in Rio.

Darin liegt jedoch nicht die größte Erkenntnis dieser vergifteten Spiele. Wenn Sportler, die ohnehin meist wenig verdienen oder gleich als Amateure antreten, gegeneinander um Ruhm und Ehre kämpfen, ist es beinahe logisch, dass einige versuchen, sich um jeden Preis einen Vorteil zu verschaffen. Dass die Rate der öffentlich gewordenen Dopingvergehen in den vergangenen Jahren angestiegen ist – geschenkt. Schließlich wurde die ganze Welt sukzessive beschissener, warum sollte der Sport eine Ausnahme sein?

Neu ist jedoch die Radikalität, mit der auf individueller und kollektiver Ebene das Eigeninteresse durchgeboxt wird. Gerade die Olympischen Spiele verkörpern zumindest laut Statut das Gegenteil. Eine Veranstaltung mit gemeinsamen Werten sollten die Spiele sein – »Dabei sein ist alles«, statt bloß höher, schneller, weiter. Doch unsere Gesellschaft scheint für solch freigiebige Positionen nicht mehr empfänglich. Betrachtet man die brasilianischen Spiele, scheint sich ein menschenfressender Turbokapitalismus des individuellen Vorteils etabliert zu haben, für den die Fäulnis im internationalen Sport nichts als ein Symptom von vielen ist.

Stellvertretend für diese Entwicklung stehen in Rio zwei, die erst einmal gar nichts für das Schlamassel können: die immens erfolgreichen Gefälligkeitsmusiker Calvin Harris und Tiësto. Wie alle vier Jahre wurden die Sportler auch in Brasilien wieder einmal zu allerhand Nebensächlichkeiten befragt. Darunter auch dazu, welche Musik sie eigentlich vor wichtigen Wettkämpfen hören. Nimmt man die Antworten zusammen, liegen Harris und Tiësto in einer Art olympischen Beliebtheitsskala auf Gold- und Silberposition, gefolgt von jeder Menge EDM und Rappern wie Drake, Kanye West und Eminem. Die genannten Songs haben dabei eines gemeinsam: alle sind affirmative Kracher mit anpeitschenden Texten. Doping für die Ohren. Höher, schneller, geiler.

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Nicht nur Slim Shady muss liefern: Videostill aus »Lose Yourself«

Passend dazu haben Forscher vom Hartpury College im englischen Gloucester vergangenes Jahr herausgefunden, dass die richtige musikalische Stimulierung die Leistung von Sportlern erhöhen kann. Die Forscher spielten dazu dem britischen Schwimmer Ben Hooper beim Training für eine Atlantikdurchquerung rund 100 Songs ins Becken – und fanden heraus, dass ausgerechnet drei Titel von Eminem die Nettoleistung des Athleten um rund zehn Prozent erhöhte.

Zu den Hits »Lose Yourself«, »Not Afraid« und »Without Me« schwamm Hooper schneller, wurde langsamer müde und hielt länger einen aggressiven Schwimmstil durch. Das funktioniere durch emotionale Stimulation, sagten die Forscher. Wenn eine oder mehrere Zeilen die richtige Stelle im Kopf des Sportlers treffe, könne das zu einer regelrechten Euphoriephase führen. »Look, if you had one shot, or one opportunity / To seize everything you ever wanted / One moment / Would you capture it or just let it slip?«, rappt Eminem auf »Lose Yourself« – ein Text wie gemacht für den großen Wettkampfmoment und das benötigte Feuer unter dem Hintern.

Schaut man sich nun in den Playlists der Olympioniken von Rio um, fällt auf, dass beinahe jeder Song diesem Muster der emotionalen Stimulierung folgt. Rekordschwimmer Michael Phelps etwa gab an, vor seiner dreizehnten Einzelmedaille Skrillex‘ Remix von Neros »Promises« und Steve Aoki und Afrojacks »No Beef« gehört zu haben: »I won’t break down tonight / I feel it for the first time / I feel it for the first time«, heißt es in letzterem zu EDM für die abendliche Runde in der Muckibude. Andere Sportler gaben Drakes »Carged Up« oder eben Eminems »Lose Yourself« an.

Die Tendenz ist klar: der turbokapitalistische Duktus ist nicht nur Teil des Sportbetriebs geworden, sie ist auch in der Musik angekommen. Dabei beschränkt sich die Reduzierung von Inhalten auf eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr nur auf das Geschäft, sondern betrifft den Kern der Musik: nämlich das individuelle Verhältnis zwischen Hörer und Klang. Der Blick auf die Playlists von Rio zeigt, dass Musik heute mehr sein muss als Genuss. Sie muss liefern, ihrem Hörer einen Mehrwert bieten, der über das hinausgeht, was Kunst immer war: ein schöner Unsinn, der zu nichts Produktivem taugte – und gerade deshalb so schön war. Wie sich diese Entwicklung mittelfristig auf Musik auswirken wird, bleibt offen. Was die ökonomische Denkweise mit dem Sport angestellt hat, wissen wir dagegen spätestens seit diesem Sommer.

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