Musik zur Zeit von Walter W. Wacht

In unserer Rubrik »Musik zur Zeit« schreiben Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler, Spex-Redakteure und -Autoren über ihre derzeit liebsten Musiken. Walter W. Wacht ist Online-Redakteur der Spex träumt nicht von Code.

Brooke Waggoner: »Hush If You Must«
(virb.com/brookewaggoner)

Dies ist die Zukunft von Nashville, Tennessee. Das Klavier tanzt, die Streicher gehen in die Breite, das Schlagzeug ist auf den Punkt gespielt, darüber Brooks zarte, gleichzeitig rauchige Stimme. Abrupter Tempowechsel, Handclaps, wie bei »Humpty Dumpty«. »Hush if you must in your trust«, singt sie, als habe es Belle & Sebastian nie gegeben. 4:20 entwaffnende Minuten.

Feist: »La même histoire«
(Polydor)

Eine Hommage an Paris, die Stadt der Liebe, das war der Grundgedanke von 22 Regisseuren, darunter Prominenz wie Gus van Sant, Tom Tykwer oder Christopher Doyle. »Paris, je t’aime«, ein Episodenfilm, teilweise schön, teilweise spröde. Leslie Feist komponierte und sang das Titelstück. Auf Französisch, von Streichern eingerahmt. Schön. Und gar nicht spröde.

Zach Condon: »Venice«
(Believer Magazine #5)

Ruhig, entschleunigt, bedrückend, pathetisch: So klingt ein neueres Stück von Beirut-Initiator Zach Condon. Die Downtempo-Sequenzer-Sounds, die nur äußerst zaghaft gezupfte Geige und der durchweg Raum und Aufmerksamkeit fordernde Gesang Condons knüpfen nahtlos an die Anfang des Jahres erschienene »Pompeii«-EP an. Ein Ausblick auf das von Owen Pallett produzierte, zweite Beirut-Album.

Carsten »Erobique« Mayer: »Suite for Gilbert & George«
(Haus der Kunst München)

Eine Auftragsarbeit im Namen der Kunst: Anlässlich der Gilbert-&-George-Ausstellung im Haus der Kunst München fertigte Mayer neun musikalische Interpretationen an, die mit den Arbeiten der beiden Briten das Collagenhafte teilen. Interviewfetzen der Künstler stehen neben Minimal-Electro, John Farnhams »Underneath the Arches« neben Samples von Kirchturmglocken aus Mayers Heimatstadt Saerbeck, Peter-Pan-Hörspielen und Doo-Wop-Melodien.

Prinzhorn Dance School: »Up Up Up«
(DFA)

Brighton minimal. Schlagzeug, Gitarre und Bass genügen dem gemischten Duo, um zwingenden Punk in der Tradition von The Fall zu spielen. Größtenteils hypnotisch langsam klingen die Stücke ihres im August erscheinenden Debüts. Der Bass in »Up Up Up« ist deutlich schneller gespielt, parolenhafte Shouts, die quengelig angeschlagene Gitarre, der monoton gezupfte Bass. Wahnsinn!

Tunng: »Bullets«
(PIAS)

Melodie-orientierter als je zuvor ist das Zwei-Mann-Projekt Tunng zur echten Band gewachsen. Imitierte Tier- und Insektengeräusche, ein Barpiano, vervierfachter Gesang, der Schellenkranz, flackernde Synthie-Intermezzi als Gewehrersatz. Ein Stück über Mord und Totschlag, wie es besser gelaunt nicht sein könnte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.