Musik zur Zeit von Ralf Krämer

In unserer Rubrik »Musik zur Zeit« schreiben Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler, Spex-Redakteure und -Autoren über ihre derzeit liebsten Musiken. Ralf Krämer gibt derzeit die Urlaubsvertretung für Martin Hossbach.

John Cage: »Organ2 / ASLSP«
(www.john-cage.halberstadt.de)

Ob man schläft, isst, schreibt oder liest, parallel dazu spielt eine Orgel in Halberstadt »As Slow As Possible«, John Cages Zeit sprengendes Opus Maximum. Auftakt war 2000, gerade wird der a’-c”-fi s”-Akkord gehalten. In 632 Jahren soll ausklingen, was wir jetzt schon hören können. Man sieht sich beim nächsten Tonwechsel am 5. Juli 2008.

Leonard Cohen: »The Future«
(Sony, 1992)

Cohens einzige Platte, die seine Hinwendung zum Synthiepop nicht als Geschmacklosigkeit erscheinen lässt, überrascht immer wieder mit ihrer Nähe zur Gegenwart. Scheinbar unbeeindruckt vom Ende des Kalten Krieges prophezeite er einen Faschismus der Herzen und die Welt hat seither nichts Besseres zu tun, als ihm Recht zu geben. »When they say repent / I wonder what they meant.«

Hector Berlioz: »Les Troyens«
(Universal, 2007)

Warum diese Oper nach Homers »Let’s Go West«-Mythos ein Jahrhundert lang fast ignoriert und in den letzten Jahren allein in Deutschland viermal inszeniert worden ist (momentan in Stuttgart), wer weiß es? Mir ist ja auch letztlich immer noch ein Rätsel, warum gewisse Musik jene geradezu mystische Anziehungskraft besitzt, die auf mich durch alles wirkt, was der oft verfämte Berlioz komponiert hat. Unlängst auf DVD erschienen: eine Produktion der Met von 1983 mit Jessye Norman als Kassandra.

Yo La Tengo: »I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass«
(Matador, 2007)

Am 11. September erschienen, was wohl ein Zufall ist. Vielmehr treibt mich der ketzerische Gedanke: Wozu brauche ich 160 GB voller MP3s, wenn diese Autobiografie der großen kleinen Band aus Hoboken alles bietet: vom Kunstlied über Discofunk und Punkrock bis hin zum psychedelischen Feedback-Breitwandepos?

Warheit: »Betonklassik«
(Bozz Music/Universal, 2007)

Leider ist Musik zur Zeit ja nicht automatisch gut. Auf dieser faszinierend furchtbaren CD formuliert die Frankfurter Hiphop-Crew Warheit zu rudimentären Beats ihr Selbstverständnis, das Guantanamo als Projektionsfläche für das eigene Gefühl benutzt, irgendwie ständig in den Arsch gefickt zu werden. Hartz IV ist gleich Dritte Welt. »Wir sind alle Opfer«, jammern sie, bitten »Gott gib mir Kraft« um die »Intifada« auch korrekt bewaffnet anzugehen (»Mein Penis ist für dich zu hart«).

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