Digitale Gewitterwolken, Jazz-Chefschrauber und die vermeintliche Prog-Rock-Sau: neue Musik von Zebra Katz, Porridge Radio, Shabaka Hutchings, Odd Couple und Instagram-Filter Porches.

Zebra Katz – Less Is Moor (Awal)

Wie bitte, Debütalbum? Das kann nicht sein. Denn gefühlt zählt Zebra Katz seit mindestens zehn Jahren zu den größten Versprechungen des US-amerikanischen Hip-Hop-Undergrounds. Nach zwei Mixtapes und einer Wagenladung EPs liefert der aus Florida stammende und nun in Berlin lebende Musiker nun sein Erstlingswerk ab. Und was sollen wir sagen? Less Is Moor löst so ziemlich alles ein, was man sich erwarten konnte. Im anrüchigen Bariton rappt und singt sich Ojay Morgan, wie Katz bürgerlich heißt, durch 15 digitale Gewitterwolken von Songs. Es grollt, es zittert, es blitzt und walzt, während Morgan eindringlich seine ganz persönliche black experience offenlegt, zwischen den verschiedensten Stilen hin- und her wechselt, sich in suspense übt, um im nächsten Moment unerwartet auszubrechen und alledem eine unverwechselbare Aura zu geben. Ach ja, und Zeit für echten turn up findet er zwischendurch auch noch, etwas in „Ish“: „All I wanna do is keep the dance floor jumpin’.“ Auch das läuft. (dp)

Reinhören: „In In In“ 

Porches – Ricky Music (Domino)

Aaron Maine alias Porches spielt die zeitgenössischste unzeitgenössische Musik der Stunde: Synthie-Pop. Porches viertes Album Ricky Music könnte dabei als handwerklich fein gearbeitetes Pastiche durchgehen, wenn seine musikalischen Hakenschläge und Stimmungswechsel nicht so unfassbar kalkuliert, erwartbar und, nun ja, langweilig daherkämen. Von einer blassen Sommererinnerung an Frank Oceans „Super Rich Kids” geht es über das ikonisch dräuende Twin-Peaks-Theme von Angelo Badalamenti bis hin zur jaulenden Gitarre aus dem Geister-R’n’B-Frühwerk von The Weeknd – und um die nächste Song-Ecke wartet schon Schrammel-Pop wie zu besten New Yorker Tagen zu Beginn des neuen Jahrtausends. Porches wischen sich durch Soundästhetiken wie andere durch Instagram-Filter. (jd)

Reinhören: „Patience”

Odd Couple – Universum Duo (Geld)

Treffen sich Helge Schneider, Jon Spencer und Jeff Lynne im Proberaum von Trio, um bei zehn Bier Schindluder mit der neuesten Produktionssoftware zu treiben. Klingt ziemlich bescheuert? Richtig. Und genau so klingen Odd Couple. Und bevor irgendjemand nachfragt: Ja, das ist als Kompliment zu verstehen. Denn auf ihrem mittlerweile vierten Album Universum Duo hat das zwischenzeitlich auf drei Mitglieder angewachsene Duo aus Berlin zu einer abenteuerlichen Mixtur aus dadaistischen Texten, Kraut- und Garage Rock, NDW-Retroismen und generellem Wahnsinn etabliert, der nicht nur innerhalb dieses Landes seinesgleichen sucht. Das klingt zwar nie wirklich neu, aber in der Kombination seiner Teile ziemlich einzigartig. (dp)

Reinhören: „Fahr ich in den Urlaub rein“

Porridge Radio – Every Bad (Secretly Canadian)

Okay, der Bandname ist ein Problem. Sprechen wir es aus: Porridge Radio klingt ungefähr so, als hätten sich fünf Musiklehrer um die 60 zusammengefunden, um nochmal so richtig die Prog-Rock-Sau rauszulassen. Ist aber nicht so. Stattdessen hat die aus dem englischen Küstenstädtchen Brighton stammende Dana Margolin vor ein paar Jahren ein paar Songs geschrieben, diese vor eben jenen Herren in einem lokalen Pub gespielt und dabei ihre Liebe zur Performance entdeckt. So steht es jedenfalls im Waschzettel. Rückblickend gut für uns, denn Margolins neuestes Album Every Bad versprüht nun streckenweise jenen Zauber, der Musik von und mit Gitarren einmal spannend gemacht hat. Das Rezept ist simpel: Man wühle im Bodensatz der menschlichen Seele, bis man auf etwas Sperriges stößt, knete das in bewährte drei Akkorde, mische eine Prise Gedudel anderer Instrumente dazu, dazu einige Kilo Rock-Geschichte – fertig. Das funktioniert im Verlauf der zehn Songs natürlich nicht immer. Auf Songs wie dem starken „Lilac“, „Pop Song“ oder dem Opener „Born Confused“ aber klingt Margolin wie die unwahrscheinlichste Mischung aus Sonic Youth, den Yeah Yeah Yeahs, Bright Eyes und den Cranberries, die man sich im Jahr 2020 vorstellen kann. (dp)

Reinhören: „Lilac“

Shabaka and The Ancestors – We Are Sent Here By History (Impulse)

Neues aus der gerade besten Jazz-Werkstatt der Welt. In London werkelt Chefschrauber und Saxofonist Shabaka Hutchings schon seit ein paar Jahren an den schnittigsten und innovativsten Modellen des altehrwürdigen Genres. Mal als Bandleader der Sons Of Kemet, mal als Kopf von The Comet Is Coming. Auf We Are Sent Here By History hat sich Hutchings nun schon zum zweiten Mal mit der Band The Ancestors zusammengetan, einer Gruppe Musiker aus Südafrika. Angefeuert von Hutchings’ knappen, mehr auf den Rhythmus als auf die Melodie fokussierten Saxofon-Salven spielen sich die Ancestors getreu ihrem Namen durch die Musik ihrer Vorfahren, unterstützt von den Texten des südafrikanischen Dichters Siyabonga Mthembu. Es geht um Schwarze Geschichte, das Trauma der Sklaverei und natürlich um das Grundübel des Kapitalismus. We Are Sent Here By History ist ein Album voller Bewusstsein für die Wege und Wunden, die Geschichte (ein)schlägt. Wie auch bei den anderen Projekten von Hutchings – bei denen das afrofuturistische Moment deutlicher im Vordergrund steht – ist das aber niemals retro, sondern imaginiert eine Zukunft, die sich aus den marginalisierten Perspektiven der Vergangenheit speist. (jd)

Reinhören: „Go My Heart, Go To Heaven”