Die Gehirne – Ihre größten Erfolge 1983-85 (Play Loud Productions)

Henryk Gerickes Label Tapetopia ist jetzt schon ein essentielles Korrektiv der Punk- und Underground-Geschichtsschreibung der achtziger Jahre. Nachdem er darüber zuletzt eine mehr als obskure Veröffentlichung von Ornament & Verbrechen neu auflegte, folgen nun Die Gehirne. Claus Löser und Florian Merke waren in Karl-Marx-Stadt aktiv, veröffentlichten im Jahr 1986 eine Kassette mit dem Titel Ihre größten Erfolge und verkauften dann stolze 35 Exemplare davon. Die Neuauflage ist nun für die Vinyl-Version dezent gekürzt worden, umfasst aber dennoch 34 Stücke. Denn länger als zwei Minuten wird’s nur selten. Punk-Attitüde, Free-Jazz-Verständnis, Liedermacher-Vibes mit fünf klaren Kurzen im Hinterkopf: Hier ist alles drin und dran, was der Neuen Deutschen Welle in der BRD Legendenstatus einspielte und klingt obendrein noch radikaler.

Reinhören: „Ich schenk dir…

Okay Kaya – Watch This Liquid Pour Itself (Jagjaguwar)

Was tun, wenn Millennials in den Sade-Topf fallen? Ganz einfach: Anlage aufdrehen. Okay Kaya macht das, was ihrer Generation gerne vorgeworfen wird und somit alles richtig. Da wird mal Smooth Jazz, mal Stadion-Rock, mal vom Folk gemopst, kurzerhand durchs Smartphone gejagt und darüber noch ein paar Zeilen gesungen, die beiläufig klingen und nachhaltig wirken. Eine der schönsten, weil merkwürdigsten aber doch irgendwie eingängigsten Indie-Pop-Platten des verfrüht angekommenen Frühlings. Versprochen.

Reinschauen: „Baby Little Tween

Pisse – LP (Audiolith)

Scheiße, Pisse sind zurück! Und damit der kleinste gemeinsame Nenner von Die Gehirne (siehe oben) und Wire (siehe unten). Rödelt, fiepst und ballert natürlich wie ein Berliner-Luft-Sterni-Taucher zum Frühstück, widmet sich ausgesprochen wichtigen Themen (zu viel Adipositas unter Kindern, zu viel Amphetamin im System, zu viel Alternativlosigkeit vor den Augen) und lässt neben dem Theremin zwischendrin noch eine Slide-Gitarre aufheulen. Wie geil unangenehm kann eine Band sein?

Reinhören: „CO2 Bilanz

Shitkid – Duo Limbo​ / ​„Mellan himmel å helvete“ (Pnkslm)

Corpse paint, Bikinis, Dreck: Shitkid stecken schon per Artwork die Rahmenbedingungen ihrer Musik ab und lassen Duo Limbo / „Mellan himmel å helvete“ dann auch noch mit Puddle-Of-Mudd-Gedächtnisriffs anfangen. Versteht sich von selbst, dass irgendwer von den Melvins und irgendwer anderes von den Butthole Surfers bei den Aufnahmen beteiligt war. Was sich allerdings nicht von selbst versteht, beziehungsweise was wir nicht verstehen: Warum’s trotzdem ein wichtiges Rock-Album geworden ist. Nehmen wir aber mal einfach so hin.

Reinhören: „Get Jealous

Wire – Mind Hive (Pinkflag)

À propos wichtig: Wire sind auch immer noch wieder dabei, und obwohl die zweite Reunion der wichtigsten historischen Schnittstelle zwischen Punk und Post-Punk mittlerweile satte zwei Jahrzehnte zurückliegt, ist das immer noch ein Sensatiönchen. So auch Mind Hive, auf der Wire Wire-Musik mit Wire-Themen machen, als hätte sich die Welt seit Pink Flag kaum ein Grad gedreht. Ist das okay? Wenn dabei Understatement-Meta-Hymnen wie „Cactused“ herumkommen: ja, sicherlich.

Reinschauen: „Cactused