Against All Logic – 2017-2019 (Other People)

Kürzlich erst wollte sich Nicolas Jaar noch aus den Credits des jüngsten FKA-Twigs-Albums streichen lassen, nun schreibt sie sich in seine ein. Unter seinem Schöngeist-House-Alias Against All Logic veröffentlicht der nimmermüde Other-People-Betreiber unvermittelt eine Single mit Tahliah Barnett und Estado Unido sowie ein gemeinsam mit Lydia Lunch (!) produziertes Stück und legt eine Woche später schon ein Album vor. Das ist genauso spartanisch betitelt wie der Vorgänger, zeugt aber dennoch von einer grundsätzlichen Umorientierung im Sound des Projekts. A.A.L. macht im Jahr 2020 kreischige, kratzige Musik mit viel Rumms und Transgressionslust. Rave- und rauflustiger klang Jaar noch nie. Bitte weiter so!

Reinhören: „Alucinao (feat. Estado Unido & FKA Twigs)

Jon Hassell & Farafina – Flash Of The Spirit (Glitterbeat)

Jon Hassell hat erst vor zwei Jahren mit Listening To Pictures (Pentimento Volume One) bewiesen, dass er selbst im stolzen Alter seinen Fourthworld-Idealen treu geblieben ist und es nebenbei auch schlicht noch kann. Und wer kann, der darf. In diesem Fall recht schamlos eine Reissue nach der nächsten auf den Markt werfen. Nach dem Fourth-world-Doppelpack legt Glitterbeat nun mit Flash Of The Spirit eine vom Rest der Neuverwertungsmaschinerie bisher übergangene Platte wieder auf. Gemeinsam mit der Band Farafina aus Burkina Faso traf sich der Avantgarde-Trompeter und Sample-Pionier auf Augenhöhe, um ein jazz-flektiertes Album aufzunehmen, das traumlogische Flächen mit entkoppelten Rhythmen, Call-and-Response-Gesängen und zittrig zappelnden Synthies zusammenbringt. Das klingt 22 Jahre nach Erstveröffentlichung immer noch in jede Richtung angenehm befremdlich.

Reinhören: „Flash Of The Spirit (Laughter)

Khruangbin & Leon Bridges – Texas Sun (Dead Oceans)

Mehr on the nose geht nur mit einem Mitesserpflaster: Khruangbin haben sich für eine EP mit Leon Bridges zusammengetan. Um was genau zu machen? Na klar, Bock. Texas Sun bietet innen das, was außen draufsteht. Dabei schmieren sich Slide-Gitarren in den Mix, als wären es UV-Blocker ab Level 50 aufwärts. Was zum Schunkeln, was zum Schwoofen, was zum Schmusen. Zappelige Funk-Riffs, The-Band-Pathos und Luk-Thung-Vibes gibt es obendrauf. Wenn sich das jetzt noch instagrammen ließe, könnten wir alle von der Flugscham Abstand nehmen und mit nur vier Songs den Urlaubs-Roadtrip in die eigenen vier Raufasertapetenwände holen.

Reinschauen: „Texas Sun

Oh Wonder – No One Else Can Wear Your Crown (Island)

Daheim zu bleiben bietet sich auch deswegen an, weil allein schon der nächste Shopping-Trip die Gefahr in sich birgt, dass Oh Wonder plötzlich aus den Boxen der nächsten Klamottendiscounter-Umkleidekabine quellen. Obwohl No One Else Can Wear Your Crown dem Titel nach eine verfrühte Stormzy-Hommage sein könnte, handelt es sich dabei um das Konzeptalbum eines Pop-Duos, das mittlerweile nicht nur die Spotify-Tantiemen, sondern gleich das ganze Leben miteinander teilt. Zahnloser als diese zehn Songs über Millennial-Liebe ist nur der zu erwartende Nachwuchs, der schätzungsweise den Input für das nächste Album liefern muss. Bis dahin bedienen sich Oh Wonder in der Mottenkiste des Gegenwarts-Pop, anstatt das einzig Folgerichtige zu tun – einen Account bei Ashley Madison anzulegen, beispielsweise. Das Album würden wir dann doch sehr gerne hören.

Reinschauen: „Hallelujah

Thomas Köner – Motus (Mille Plateaux)

OMG, Teil 1: Mille Plateaux wurde reaktiviert. OMG, Teile 2 bis 4: Thomas Köner hat zuerst gemeinsam mit dem Kollegen Andy Mellwig das Dub-Techno-Duo Porter Ricks wiederbelebt, meldet sich aber nun auch mit einem neuen Soloalbum auf Mille Plateaux zurück. Darauf gibt es nach vielen schönen Sound-Art-Platten wieder verlässlich mit vier Vierteln auf die Zwölf. So ein bisschen zumindest. Motus kühlt Techno auf den unteren Kelvin-Bereich herab und bewegt sich dementsprechend langsam vorwärts, verdrängt damit aber mehr Masse als eine Eismeerexpedition im Jahresdurchschnitt. Mächtig pulsierende Analog-Musik für alle, die ganz tief abtauchen wollen.

Reinhören: „Extension (Attack)