Smartphone-Überwachung und kommunikative Bäume: Zwischen alter Musik von Mutter und den Master Musicians Of Jajouka klinken sich Jasmine Guffond, Pantha Du Prince und Stephen Malkmus ins Diskursgemenge ein.

Jasmine Guffond – Microphone Permission (Editions Mego)

Irgendwer muss sie ja machen: Die Musik zum Thema Überwachungskapitalismus und staatlichem Browser-Panoptismus. Die in Berlin ansässige Australierin Jasmine Guffond hatte zuletzt mit der Chrome- und Firefox-Erweiterung Listening Back User_innen ermöglicht, Cookies in Sound umzuwandeln und macht nun auf Microphone Permission Ähnliches. Inspiriert ist das Album von unseren ständigen Zuhörer_innen und adressiert dennoch die Abgehörten mit Ambient-not-Ambient-Flächen und Techno-not-Techno-Geratter, das mal den Effekt von schwindelerregendem AGB-Durchgescrolle, mal die vermeintlich beschauliche Einsam- beziehungsweise Zweisamkeit mit dem für Lauschangriffe freigegebenen Gerät in schwirrende Töne überträgt. Abstrakt klingt das nicht nur auf dem Papier, sondern auch im LP-Format – immerhin aber sehr gut.

Reinhören: „An Utterly Dark Spot

Mutter – Du Bist Nicht Mein Bruder (Die Eigene Gesellschaft)

Derweil Guffond in den Untiefen von Big Data herumwühlt, beugen sich Mutter weiterhin über den Backkatalog. Du Bist Nicht Mein Bruder ist die dritte LP aus dem Frühwerk der Band, das stückweise boxsetisiert wird, bis mit Europa Gegen Amerika aus dem Jahr 2001 die Vergangenheit neu gewertschöpft wurde. Das lässt sich sicherlich als reine Nostalgie abtun, dann aber wiederum waren Mutter anno 1993 so kratzbürstig, raubeinig und unbequem, dass es fast drei Jahrzehnte später noch genauso weh tut. Die dürfen das also, ausnahmsweise.

Reinschauen: „Du Bist Nicht Mein Bruder (Live)

Pantha du Prince – Conference Of Trees (BMG)

Dem Wolfgang-Tillmans-/John-Maus-Mond auf dem Cover zum Trotz: Auf dem neuen Album von Hendrik Weber geht es eigentlich um Bäume. Conference Of Trees nahm sich Peter Wohllebens Das Geheime Leben der Bäume zum Ausgangspunkt und folgt damit der Frage, was Bäume – so der Untertitel von Wohllebens mittlerweile verfilmtem Buch – eigentlich so fühlen und wie sie kommunizieren. Was wir dabei fühlen, wissen wir sehr genau. Aber zurück zur Musik: Nachdem er mit der gleichnamigen Liveshow bereits eine halbe Ewigkeit durch gefühlt alle Konzertsäle der Bundesrepublik getourt war, legt Pantha Du Prince nun ein Album vor, das allem konzeptuellen Schnickschnack drumherum zum Trotz streckenweise wunderschöne Klanglandschaften aufspannt und dann am stärksten wirkt, wenn Weber nicht in alte Vierviertel-Gewohnheiten zurückfällt. Nur warum dabei so viel Holz-Percussion zum Einsatz kommt, will nicht einleuchten: Muss denn wirklich auf die Toten eingeprügelt werden, um das Leben der Bäume zu besingen? Frag’ doch mal bitte jemand beim nächsten Waldspaziergang nach.

Reinschauen: „Pius In Tacit

Stephen Malkmus – Traditional Techniques (Domino)

Noch mehr Fragen wirft Traditional Techniques von Stephen Malkmus auf, der mit „Shadowbanned“ ein angenehm tagesaktuelles Video mit viel Indie-Prominenz und jeder Menge Instagram-Gesichtsfilter vorlegte. Das komplementiert zwar in gewisser Weise Jasmine Guffond visuell, kann sich aber ein paar Malkmusismen zum Thema zeitgenössischer (Aufmerksamkeits-)Ökonomie nicht verkneifen: „Sky high on Reddit, kharma fly / Over Amazon wheatfields and rivers of Red Bull / Drip gush drip data-driven skip / To the part where the left bros parody TED talks“. Ja, und nun? Hat Malkmus für seine dritte Jetzt-aber-wirklich-richtig-Soloplatte den inneren Paul Simon genauso aktiviert, wie er offensichtlich Freak Folk für die Generation Tiktok reanimieren möchte. Weltmusik-Echoes und Twang-Overload: Geht’s noch, Malkmus? Die Antwort auf zumindest diese eine Frage: ja, erstaunlicherweise schon.

Reinschauen: „Shadowbanned

The Master Musicians Of Jajouka feat. Bachir Attar – Apocalypse Across the Sky (Zehra)

Ebenfalls alt, sogar noch viel älter und tatsächlich sogar die angeblich älteste Band der Welt: die Master Musicians Of Jajouka. Nachdem das Berliner Reissue-Label Zehra bereits im vergangenen Jahr mit The Trance Of Seven Colors von Maleem Mahmoud Ghania und Pharoah Sanders ein essentielles Album der transkulturellen Wechselwirkungen vom coolen Ende der Neunziger für die vinylgeile Crowd neu auflegte, folgt nun mit Apocalypse Across The Sky, eine im Jahr 1991 aufgenommene Session unter Bandleader Bachir Attar, die nicht allein dank ihres exzellenten Sounds auch heute noch für akute Hirnknotenbildung sorgt. Wenn jetzt noch die Baristas aller Länder ihren Bon Iver einstauben und stattdessen am Sonntagmorgen das hier auflegen würden, wäre die Welt endgültig eine bessere und der verfrühte Frühling würde ein schöner.

Reinhören: „El Medahey