Zwischen Old New Weird America und Orchesterhallen-Po(m)p drängelt sich Mark E. Smith für eine letzte Grabrede durch. Die Musik von morgen, schon heute.

Agnes Obel – Myopia (Deutsche Grammophon)

Große Namen werfen, nun ja, große Schatten voraus. Das neue Album von Agnes Obel, Berlins derzeit wohl größtem (Anti-)Pop-Star, erscheint in Deutschland beim ehrwürdigen, dezent nach Staub und Bohnerwachs riechendem Label Deutsche Grammophon und in den USA wiederum bei der Jazz-Institution Blue Note. Obwohl Obel mit ihrem elektronikaffinen Kammer-Pop an beiden Adressen nicht völlig richtig ist, versteht man die Assoziation doch sofort. Schließlich hat die Musik der Dänin etwas Frühvollendetes, etwas Gravitätisches, das nach Performances in den Hallen der Hochkultur schreit. Für Myopia sollte man allerdings die Fenster verhängen: Obel beschwört mit Klavier und runtergepitchten Streichern Momente der Suspense und eine tolle Dämmerstimmung herauf und weiß sich dabei ziemlich sicher auf der schmalen Grenze zwischen gloominess und Enya zu bewegen. Nur kann sie dabei nicht immer vermeiden, dass das vertonte Unbehagen ein wenig formelhaft klingt, ganz so, als wisse Obel allzu gut, welche Knöpfe sie zu drücken hat, um Nils-Frahm-Fans wohlig erschaudern zu lassen. Wenn sich so das Jenseits anhört, hat Mark E. Smith auch dort bestimmt einiges zu nörgeln.

Reinschauen: „Broken Sleep

Jan St. Werner – Molocular Meditation (Editions Mego)

Denn das ist schließlich nur konsequent: Wenn schon alles vor die Hunde geht, meldet sich der größte Lästerbruder aller Zeiten aus dem Jenseits für einen wütenden Rundumschlag zurück. Ja, es ist der leibhaftige Mark E. Smith, der auf Jan St. Werners neuem Soloalbum über surrenden, fiependen, brummenden oder freidrehenden Elektroniksounds seine Spoken-Word-Passagen ätzt. Aufgenommen wurden die im Jahr 2014 mit alten Bekannten. Weil St. Werner und Andi Toma – als Mouse on Mars zuständig für Weirdo-Elektronika made in Germany – zu den wenigen Musiker_innen zählten, für die Smith mehr als kalte Verachtung übrig hatte, gründeten sie im Jahr 2006 das gemeinsame Projekt Von Südenfed. Lange sollte es keinen Bestand haben: Nachdem einige Auftritte wegen Smiths gesundheitlicher Probleme geplatzt waren, kündigte ihnen auch noch ihr Label Domino. St. Werners Molocular Meditation lässt sich also durchaus als Irgendwie-ja-doch-Nachfolger von Tromatic Reflexxions betrachten, dem einzigen Studioalbum der Kollaboration. Und vielleicht als kleines, spätes „Fuck you“: Im Titelstück verliest Smith das Kündigungsschreiben von Domino. Schon klar, Andi Thoma ist nicht dabei – aber sagte Smith nicht auch: „Auch wenn’s nur Ich und deine Oma an den Bongos sind, dann ist es immer noch The Fall“?

Reinhören: „VS Cancelled

Purr – Like New (Anti/Epitaph)

Wenn wir einen kurzen Moment zögern, dem Duo Purr aus New York City das Blumenkrönchen für die schönste Carpenters-Gedenkplatte zu verleihen, dann nur, weil uns Weyes Blood mit ihrer prächtigen Seventies-Pastiche Titanic Rises schon letztes Jahr gründlich verdorben hat. Mit Weyes Blood und dem ähnlich gesinnten Duo Whitney teilen sich Eliza Barry Callahan and Jack Staffen nicht nur den Produzenten – Jonathan Rado von Foxygen –, sondern auch das Talent für Lieder zwischen diesiger West-Coast-Wärme und Songwriting wie aus dem Brill Building. Mit mehrstimmigem Gesang, Klaviermelodien und großen Refrains lassen einem Purr auf ihrem Album mit dem tollen Etikettenschwindeltitel Like New das Herz bersten, als wäre es eine reife Frucht im Regen. Aber jedes Stilleben wird eben irgendwann weggeputzt: Bei aller Euphorie ist in den breezy Songs von Purr auch immer das Gefühl von Wehmut zu spüren.

Reinschauen: „Avenue Bliss

Royce 5’9″ – The Allegory (Eone/Heaven Studios, Inc)

Die gemeinsame Geschichte von Eminem und Royce Da 5’9’’ ist nicht weniger als eine Seifenoper made in Detroit. Beide Rapper kennen sich seit Ende der Neunziger, wurden Kumpels, machten unter anderem mit dem Projekt Bad Meets Evil gemeinsame Sache, überwarfen sich zwischenzeitlich böse und haben der Legende zufolge über einen waschechten Kampf zwischen Royce und Eminems Crew D12 wieder zueinander gefunden. Im Schatten des ehemals übermächtigen Marshall Mathers stand Royce jedoch immer schon, und da half ihm sein überdurchschnittliches Talent recht wenig. Dass sich allerdings die Kräfteverhältnisse verschoben haben, beweist Royce mit seinem Album The Allegory. Der ewig Unterschätzte findet mittels klassischem Storytelling, Soul-Samples und Gospel-Zitaten – kaum tangiert von aktuellen Entwicklungen – zu einer Art Erwachsenenvariante von Rap. Nachdem es für Eminems letzte Alben (zu Recht) gewaltig Kritiker_innen-Prügel gesetzt hatte, zeigt sein Hassliebe-Kumpel Royce, wie man würdevoll im Gestern kleben bleibt.

Reinschauen: „Overcomer

Six Organs of Admittance – Companion Rises (Drag City/Indigo)

À propos nicht von heute: In etwa zur selben Zeit, in der sich Smith und die Marsmäuse dereinst zur gemeinsamen Mission einfanden, geisterte ein neues Konzept durch die Pop-Welt. Unter dem Begriff New Weird America zwangsverschubladeten Kritiker_innen eine neue Generation von Bands und Musiker_innen, die ihre Gitarren, Harfen und Schellenkränze noch eigensinniger anschlugen als ihre Folk- und Hippie-Vorgänger_innen. Auch Ben Chasny wurde mit seinem Projekt Six Organs Of Admittance schnell in eine Reihe mit Joanna Newsom, Devendra Banhart und anderen Freak-Folk-Galionsfiguren gestellt. Dabei steht der Gitarren-Nerd mit Herz für Drones und Störgeräusche ja eigentlich am besten allein und für sich. Auch auf seinem neuen Album Companion Rises schichtet und verschränkt er analoge Sounds und Verfremdungseffekte so selbstvergessen, als wäre der kurze Frühling (hier eher: die lange Nacht) des spinnerten Amerika nie zu Ende gegangen. Akustikgitarre mit viel Hall, verzerrte Akkorde, sacht handgeklopfte Percussions und elektronische Geräusche: Chasny lässt die Einsiedlerhütte zum Spukhaus mutieren. Und demonstriert nebenbei, wie privatistisch und weltabgewandt Musik klingen kann, ohne ins Reaktionäre zu kippen. Was in Zeiten, in denen sich das old weird America präpotent wie lang nicht gibt, ja nicht die schlechteste Sache ist.

Reinschauen: „The 101