D.A.F. auf Friesisch, Erdbeben und Trauerarbeit, Wegträummusik, Mondumrundungen und … ein neues Tame-Impala-Album. Die Musik von morgen, schon heute.

lt Dockumer Lokaeltsje – Alles Is Goed (Makkum)

Heute in der Kategorie „Hä?“: lt Dockumer Lokaeltsje gründeten sich im Jahr 1985, konnten der Legende nach ein paar Erfolge in der niederländischen Rock-Szene vorweisen und sogar John Peel für sich gewinnen, bevor recht bald auch wieder Schicht im Schacht war. Die Band kehrte allerdings vor einiger Zeit wieder auf die Bildfläche zurück und beginnt das nächste Jahrzehnt nun mit einer LP voll von anno dazumal aufgenommenen D.A.F.-Coverversionen. Die sind um zwei Dinge ärmer als das Original: Es fehlen die kantigen Maschinen-Grooves genauso wie der teutonische Sprechgesang Gabi Delgados. Doch was gibt’s stattdessen? Na, rumpeligen Punk-Rock und … Friesisch!? Überraschender als das Projekt an sich ist nur, dass die krude Mischung tatsächlich aufgeht. Alles Is Goed, jawoll!

Reinhören: „De Rôver En De Prins

Katie Gately – Loom (Houndstooth)

Nicht so wonnig ist hingegen die Ausgangssituation, aus der heraus Katie Gately ihr drittes Album Loom geschrieben hat. Dieses nämlich entstand parallel zur bedauernswerterweise tödlich endenden Krebserkrankung ihrer Mutter. Die tektonischen Verschiebungen in Gatelys Leben werden auf den acht Stücken vom Knurren des Planeten untermalt – gesampelt hat die in Los Angeles lebende Künstlerin nämlich Erdbeben. Gemeinsam mit Gatelys gedoppelten und gedreifachten Trademark-Vocals ergibt das eine gravitätische Poly- und manchmal auch Kakophonie, die gleichermaßen Trauerarbeit betreibt und Linderung verspricht. Experimenteller Pop, der an die Grenzen geht, und seien es nur die inneren.

Reinschauen: „Waltz

Move D & Benjamin Brunn – Let’s Call It A Day (Smallville)

Dagegen zeigen sich David Moufang alias Move D und Benjamin Brunn in ihren gelegentlichen Kollaborationen weniger intensiv. Ihre dubbige Ruhepuls-Electronica schwebt gemächlich vor sich hin. Das mag auch an der Zeit liegen, in der sie entstand: Das nun vom Hamburger Label Smallville neuaufgelegte Album Let’s Call It A Day wurde ursprünglich im Jahr 2006 veröffentlicht und waberte damals an einem Zeitgeist vorbei, der von Minimal-Techno-Ausdauer-Raves oder Electroclash-Speed-Schniefwettbewerben dominiert wurde. Brrrr. Die beiden ließen es dagegen dankenswert ruhig angehen und legten eine Platte vor, die ganz in der Tradition von Moufangs Label Source stand – oder besser: lag. Auf dem Rücken nämlich, mit dem Blick in die Wolken. Wegträummusik für alle Lebenslagen.

Reinhören: „Let’s Call It A Day

Sign Libra – Sea to Sea (RVNG Intl.)

Noch nicht far out genug? Einfach von Agata Melnikova zum Mond tragen lassen. Nachdem sie auf ihrem ersten Album als Sign Libra noch um den Äquator herumkreiste, nimmt die exaltierte Produzentin mit Sea To Sea Kurs auf die sogenannten Mare, den dunklen Tiefebenen des Erdsatelliten. Musikalisch klingt das zum Glück etwas weniger nach Klaus Schulze und vielmehr nach Not-Not-Fun-Lo-Fi-Pop mit viel Patschuli-Geruch oder sogar frühen Grimes-Aufnahmen, soll heißen: extrem angenehm und nur eben ein bisschen bekifft. Dass es TwinPeaks-im-Vaporwave-Look-Videos inklusive gibt, versteht sich nur von selbst. Weiterhin gute Reise und einen angenehmen Aufenthalt wünscht SPEX.

Reinschauen: „Sea Of Nectar

Tame Impala – The Slow Rush (Fiction)

Tja, und auch Tame Impala machen immer noch – oder besser: dann doch wieder – Musik. The Slow Rush verspricht schon per Titel, was die Platte leider einhält: Hier gibt es Psych-Rock-Reminiszenzen im Paisley-Hemdchen, da versucht man sich an Daft-Punk-geschultem Soul-Funk, mal werden sogar auf einem Quasi-Hip-Hop-Beat die Sirenen angeworfen. Obendrein konnte Kevin Parker anscheinend Hipgnosis noch einen Artwork-Entwurf für das geplante und dann doch verworfene 325289. Best-Of-Album von Pink Floyd abluchsen. Das wirkt im Jahr 2020 wesentlich unorigineller und zeitgenössischer als zuletzt auf dem vergleichsweise wagemutigen Vorgänger Currents. Mit etwas Glück aber könnten Soulwax erneut ums Eck kommen, um die Sache wieder geradezubiegen. Wer weiß? Oder: Wer will’s eigentlich noch wissen? Das wissen wir auch schon nicht mehr.

Reinschauen: „Lost In Yesterday