Skandinavische Schwindeleien, Schönklang für die Quarantäne und Hip-Hop, um sich gepflegt das Hirn zu panieren: neue Musik von Roger & Brian Eno, Four Tet, Låpsley, Myrkur und Tokimonsta.

Roger & Brian Eno – Mixing Colours (Deutsche Grammophon)

Wenn die Welt sich bei Penny um Rigatoni prügelt, schlägt die Stunde der musikalischen Sedativa. Nahezu prophetisch von Brian Eno, gerade jetzt, in dunklen Krisenstunden, mal wieder eine Platte voll luzidem Piano-Schönklang zu veröffentlichen. Für Mixing Colours hat sich der Schutzheilige des Ambient mit seinem jüngeren Bruder Roger Eno zusammengetan. Was die beiden hier so mischen, sind zwar höchstens Farben zwischen Elfenbeinweiß und Pastellbeige – dafür ist Mixing Colors aber in jedem Moment so angenehm wie ein Vollbad und aufregend wie ein Puzzle. Auch das kann eine Krise also hervorbringen: ein neues, plötzlich irgendwie relevantes Album von Brian Eno.

Reinhören: „Celeste

Four Tet – Sixteen Oceans (Text)

Wer Entschleunigung will, kann allerdings auch gleich Four Tet hören. Es fließt, plätschert und rinnt nämlich äußerst kontemplativ in den neuen Tracks des Briten Kieran Hebden. Ein Sekundenschlaf-Album ist Sixteen Oceans trotzdem nicht: Bei allem Synthesizer-Sirren, Vogelgezwitscher oder auch vornehmem Cembaloklingeln hat Hebden seinem Laptop auch kraftvolle Beats und mehr als solide Uptempo-Stücke abgerungen – wenn die auch nicht so schön kribbelig glitchy klingen wie auf seinen frühen Alben, sondern recht poliert.

Reinhören: „Baby

Låpsley – Through Water (XL)

Die Britin Holly Lapsley Fletcher wird schon wissen, warum sie ihren Namen mit einem schicken Kringel auf dem „a“ skandinavisiert: Sieht doch gleich nach minimalistischem nordic chic aus! Und so soll es sein, denn Låpsley ist ein Pop-Star wie direkt aus dem Magazin Kinfolk ausgeschnitten. Auf ihrem zweiten Album Through Water performt sie kühl temperierte R’n’B-Elektro-Pop-Songs mit klickernden Beats, Ambient-Soundflächen und sporadisch aufwallenden Gefühlen, die unterm Kopfhörer immer neue Produktionsgimmicks offenbaren – und im Coffeeshop niemanden stören. Banks und Jessie Ware haben diesen Sound perfektioniert, aber gerade Låpsley sagt ihre Plattenfirma nach, die game changer Billie Eilish beeinflusst zu haben. Kann schon sein. Allerdings stellte die, wir erinnern uns, auf ihrem Debüt ja auch die Frage: When We All Fall Asleep, Where Do We Go?

Reinhören: „Womxn

Myrkur – Folkesange (Relapse)

Seit der rechte Vorspinner Götz Kubitschek in Schnellroda medienwirksam sein bäuerliches Nazi-Arkadien betreibt, machen einen blond bezopfte Mädchen mit Milcheimern, die durch idyllische Landschaften lustwandeln, noch skeptischer als ohnehin schon. Aber keine Angst, die Dänin Amalie Bruun hat trotz fragwürdiger Cover-Ästhetik keine verdächtigen Anliegen – ganz im Gegenteil. Nachdem sie in den vergangenen Jahren viele Rock-Macker mit der Frechheit verstörte, Black Metal zu spielen und eine Frau zu sein, hat sie für ihr neues Album unter dem Namen Myrkur den Stecker gezogen. In Folkesange ist drin, was draufsteht: reduzierter, nordischer Folk mit getragenen Streichern. Bruuns klare Stimme macht sich super im Tannenwald, den knallhart traditionellen Sound muss man mögen.

Reinhören: „Gudernes Vilje

Tokimonsta – Oasis Nocturno (Young Art)

Es gab eine Zeit, da war Tokimonsta eine Sensation. In den frühen Zehnerjahren entstieg die kalifornische Produzentin Jennifer Lee dem Zirkel um Brainfeeder-Gründer Flying Lotus wie ein Phönix, oder eher: wie ein Donnervogel auf LSD. Von ihrem seitdem bewährten Prinzip, in bassbetonten Tracks Hip-Hop-Einflüsse in psychedelischen Farben leuchten zu lassen, rückt sie auch auf ihrem neuen Album Oasis Nocturno nicht ab. Paradebeispiel gefällig? In „Fried For The Night“ schaut das Duo Earthgang aus Atlanta vorbei, um sich entspannt das Hirn zu panieren. Und mit Unterstützung der Hitlieferantin Bibi Bourelly springt mit „One Day“ sogar noch ein lupenreiner Pop-Song raus. Vielleicht keine Sensation mehr, aber immer noch gut.

Reinhören: „Fried For The Night