Algiers – There Is No Year (Matador)

Die Grafikabteilung von Algiers ist wohl endgültig in den Savages-Topf gefallen, musikalisch aber bleibt die Band weiterhin der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Suicide nach der vierten Line Amphetamin und dem Querschnitt des Motown-Katalogs nach, na ja, der fünften Line Amphetamin. There Is No Year lässt zwischen James-Blake-Gedenk-Pathos, Rihanna-Bombast und Achtziger-Käse in allen erdenklichen Deklinationsstufen wirklich gar kein Auge trocken. Warum sollte es das aber auch? Algiers ist es immer noch verdammt ernst – und das ist mehr als angemessen.

Reinschauen: „Void

Deena Abdelwahed – Dhakar EP (Infiné)

Auf ganz andere Art dringlich und dinglich ist nach wie vor der Sound von Deena Abdelwahed. Ob sie auf Dhakar nun den Dizzy-Gillespie-Klassiker „A Night In Tunesia“ (feat. Charlie Parker) mit einem Bollwerk aus wummernder Percussion fürs 21. Jahrhundert updatet oder für „Ah’na Hakkeka“ Stambali-Gesänge und -Handclaps durch den Raum schleudert: Abdelwaheds kritisch-transkultureller Ansatz eröffnet neue Möglichkeitsräume zeitgenössischer Clubmusik, während andere noch im fahlen Licht ihres Smartphone-Displays den Eingang zum Darkroom suchen.

Reinhören: „Lila Fi Tounes

Deserta – Black Aura My Sun (Felte)

Jump cut von der Musik für ein besseres Übermorgen hin zu den Schuhspitzensounds von anno dazumal: Zugegeben, was Matthew Doty unter dem Namen Deserta fabriziert, ist dermaßen von vorgestern, dass er es gleich als Dachbodenfund früher My-Bloody-Cocteau-Dive-Demos verticken könnte. Weil aber dieser Sound dank M83 und anderen rettungslos C86-Geschädigten nie aus der Mode kam, gibt Black Aura My Sun ein mehr als probates Bewerbungsschreiben für den nächsten Support-Slot einer Reunion-Tour der Held_innen von damals ab. Duftkerze an, Wasser in die Badewanne, zurückgelehnt.

Reinhören: „Hide

OOIOO – Nijimusi (Thrill Jockey)

Wo wir schon bei Überkommenen sind. Fakt eins: Es gibt in diesem dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nun wirklich keinen Grund mehr, Psych-Rock zu machen, zu hören oder überhaupt irgendwie gutzuheißen. Fakt zwei: Es sei denn, er kommt von OOIOO oder verwandten Projekten (Saicobab, anyone?), soll heißen Yoshimio von Boredoms hat irgendwie ihre Finger im Spiel und den Mund am Mikrofon. Nijimusi ist mal wieder Rock-Musik, wie sie eigentlich immer sein wollte und sollte: Laut, kreischig, exzessiv, komplettbekifft und näher an den Entgrenzungsfantasien von Minimal Music als an der Breitbeinigkeit von Siebziger-Stadionepen gelagert. Zum Glück.

Reinschauen: „Kawasemi Ah

Oval – Scis (Thrill Jockey)

Ähnlich wie seine Labelmates OOIOO tut sich Markus Popp mit Serviceleistungen schwer. Oder besser: tat sich damit schwer. Denn als Oval bringt er auf Scis die Ewiggestrigen und die Fans des Spätwerks auf denkbar angenehmste Weise mit einem ultimativen Kompromiss zusammen. Wohlig wogende Sounds mit Neunziger-Flair laufen über einen frickeligen Unterboden, alles wirkt streng durchkomponiert und ist das überhaupt nicht. Was vorige Alben wie Popp nur ankündigten, entfaltet sich hier als einziger joyride durch die Gerätschaften eines Ausnahmegehirns.

Reinhören: „Imepecco