Musik von morgen: “Die Industrie hat ein Problem” – The Beaches im Interview

The Beaches v.l. Eliza Enman-McDaniel, Kylie Miller, Jordan Miller, Leandra Earl / Credit: Maya Fuhr

Mit ihrem Debütalbum Late Show haben sich The Beaches aus Toronto erfolgreich von den Produzenten emanzipiert, die sie zu gern nach altbewährten Popmustern zurecht frisiert hätten. Anlässlich ihres bevorstehenden Konzerts in Berlin reden die Schwestern Jordan und Kylie Miller, Leandra Earl und Eliza Enman-McDaniel mit SPEX über die paradoxen Erwartungen an weibliche Newcomer, Songwriting-Camps und den neuen Rock’n’Roll.

Ihr seid gerade von Eurer ersten Headlining-Tour durch Kanada zurückgekommen. Wie ist es gelaufen?
Kylie Miller: Es war so gut! Aber auch sehr ermüdend. Kanada ist echt riesig. Hauptsächlich aber extrem gut. (lacht)

Ihr habt als Pop-Punk-Band angefangen, heute spielt ihr Gitarrenmusik. Woher der Sinneswandel?
KM: Für uns war das die Musik, die wir in unserer Jugend gehört haben. Neunziger- und Siebziger-Rock war quasi das einzige, was bei uns lief. Deswegen hat es Sinn gemacht, genau solche Musik zu machen. Wir wollten genau diese Power in unsere Musik einfließen lassen.

In der Popmusik waren Gitarrensounds mal sehr omnipräsent. 2008 hätte man die Charts kaum durchhören können, ohne darauf zu stoßen. Heute ist das anders. Wie nehmt Ihr diesen Wandel wahr?
Jordan Miller: Das ist deprimierend. In der Popmusik gibt es kaum noch echte Instrumente. Alles ist sehr synthetisch und das hat uns etwas die Illusion genommen, Popmusik könne noch wirklich progressiv klingen. Als wir unser Album Late Show aufgenommen haben, wollten wir dieses Livegefühl auf eine Platte übertragen. Wir sind sehr zufrieden damit, dass unser Album sich stark von dem ganzen Popmüll abhebt, der momentan im Radio läuft.

“In ihrer Uniformität und dem Druck, den nächsten Hit zu liefern, hat die Popmusik jede Individualität verloren.”
Jordan Miller

Ihr habt mal Harry Styles von One Direction als Beispiel eines Popstars genannt, der mit seinem Solodebüt einen mutigen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat.
KM: Wenn er live performt, steht dort eine richtige Band mit richtigen Instrumenten. Wenn ein Popstar seiner Größe sich dazu entscheidet, keine schablonenhafte Karriere durchzuziehen, hat das Respekt verdient. Jedenfalls ist er ein größeres Risiko eingegangen als die anderen Mitglieder seiner Boyband.

Die ersten Produzenten, mit denen Ihr Euch getroffen habt, wollten aus Euch eine Girlband machen und haben einen Sound verlangt, den Ihr nicht vertreten konntet. Braucht Popmusik mehr Stimmen, die sich aktiv wehren?
KM: Irgendetwas muss sich da dringend verändern. So viele Dinge in der Popmusik sind momentan einfach identisch und überhaupt nicht individuell. Es gibt zehn Leute, die in Los Angeles die Hits für jeden Künstler schreiben und dafür sorgen, dass alles gleich klingt. Als wir mit solchen Produzenten gearbeitet haben, hörten sich unsere Songs alle genau gleich an – und genau wie das Zeug im Radio. Wir mögen Musik, die sich unterscheidet; wir wollten nicht machen, was alle machen.

JM: Ich glaube, die ganze Industrie hat ein Problem. In diesen Songwriting-Camps bekommt jeder Texter beigebracht, wie man einen Hit schreibt. Und wenn so ein Texter dann ein Album schreiben soll, hat das keinen Leitfaden, weil keine Idee dahintersteht, die er an die Öffentlichkeit bringen möchte, sondern nur der Hit, die Single. In ihrer Uniformität und dem Druck, den nächsten Hit zu liefern, hat die Popmusik jede Individualität verloren.

Eine Industrie, die sich auf Hitsingles konzentriert und Konzeptalben unmöglich macht?
KM: Der ganze Vorgang wirkt festgefahren, unkreativ und überhaupt nicht authentisch.

Leandra Earl: Unser Label hat uns zum Glück die Freiheit gegeben, auszubrechen. Wir durften unser eigenes Ding machen und das wurde nicht nur toleriert, sondern unterstützt.

JM: Es ist so ein gutes Gefühl, dabei gefördert zu werden, man selbst zu sein. Das ist sehr befreiend.

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