Sufjan Stevens mit Lowell Brams, Daniel Avery und Alessandro Cortini, Childish Gambino, Dana Gavanski sowie Cucina Povera: Wir haben fünf Mal krisenresistente Musik für den Quarantänekoller im Gepäck.

Childish Gambino/Donald Glover presents 3.15.20 (Sony)

Donald Glover nennt sich auch Childish Gambino und hat am Sonntag, dem 22. März, unter dem Titel 3.15.20 ein Album sowohl unter seinem Klarnamen als auch unter seinem Pseudonym veröffentlicht, einmal als durchgängige Version und einmal reguläres Album mit zwölf Stücken. Von jemandem, der im Jahr 2013 als einer der ersten Mainstream-Künstler_innen auf die Idee kam, dass Album-Artworks im Internetzeitalter nicht mehr statisch sein müssen und der spätestens mit dem Video zur Single „This Is America“ bewies, dass sozialpolitische Aussagen mit maximalem Profit aus der Aufmerksamkeitsökonomie einer detailgeilen Crowd zu vereinbaren sind, ist das … na ja, mindestens ein bisschen unterwältigend. Immerhin sind die Funkadelic/Parliament-Rip-Offs weitgehend (geiles Gegniedel: „24.19“) wieder eingemottet worden und auch wenn 3.15.20 damit kein zweites „Red Bone“ bietet: Singen kann der junge Mann immer noch. Und Glover begibt sich zwischen ein paar egalen Pharrell-Rip-Off-Beats hier und dort sogar auf Konfrontationskurs. „32.22“ ist Future, nachdem er in den Death-Grips-Topf gefallen ist, „39.28“ geht in den sinnsuchenden Frank-Ocean-Overdrive und „53.49“ ist eine SaturdayNightLive-taugliche Neuauflage von Kendrick Lamars düstersten Momenten, die mit einem Neo-Soul-Refrain und einer großzügigen Portion „Wooohoooo“-Hooks nach weniger als einer Stunde das Putzlicht anknipst. Das entschädigt fast für die blutleere Ariana-Grande-Kollaboration, den einfallslosen Treppenwitz von Release-Strategie oder das … äh, Artwork. Because the internet, oder so.

Reinhören: „Donald Glover presents 3.15.20

Cucina Povera – Tyyni (Night School)

Maria Rossi kann ganze Songs aus dem nervigen Lautsprechergefiepe machen, das netzsuchende Mobiltelefone hervorrufen. Sie kann aber auch singen, und das sogar sehr schön mit sich selbst im Kanon. Tyyni ist ihr drittes Album unter dem Namen Cucina Povera und bietet noch weit mehr als geloopten Noise und gelayerte Vocals. Sondern auch Dark-Wave-Drama-Bomben, Stolpertronica mit verhuschtem Gesang und Dschungel-Vibes sowie Nachtschatten-New-Age-Geklimper mit volatiler Vokalakrobatik. Das ist ganz schön viel für nur ein einziges Album und sollte im Plattenregal unbedingt unter der Kartei „Herausforderungen“ einsortiert, immer mal wieder aber in bestimmten Intervallen hervorgezogen werden. Rossi macht nämlich sehr merkwürdige Musik, die mit jedem Durchgang etwas eindringlicher wird.

Reinhören: „Salvia Salvatrix

Dana Gavanski – Yesterday Is Gone (Full Time Hobby)

Spätestens nach ihren Spring Demos war klar: Dana Gavanski ist mindestens die Carole King ihrer Zeit. Ihr Debütalbum Yesterday Is Gone bestätigt nun die Vermutung, dass diese vorschnelle Festlegung natürlich vollkommen übertrieben war. Das ist aber auch sehr okay so. Denn gerade weil Yesterday Is Gone nicht Gavanskis Tapestry ist, kann Yesterday Is Gone Gavanskis Yesterday Is Gone sein: Ein kleines Meisterinnenwerkchen von dicht erzählendem Songwriting, das in jeder Sekunde Selbstausdruck ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit ist und uralte Pop-Formeln mit Elementen aus ähnlich uralten Genres wie Folk und Co. mit neuem Leben zu füllen vermag. Gavanski kann also auch mit voller Band im Rücken noch genauso gut die richtigen Worte zu den richtigen Akkordfolgen im genau richtigen Arrangement finden und ist damit weitestgehend allein auf weiter Flur, letztlich also am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Danke dafür.

Reinschauen: „Catch

Daniel Avery and Alessandro Cortini – Illusion Of Time (Phantasy Sound)

Daniel Avery macht seit jeher Überwältigungs-Techno, Alessandro Cortini hingegen ist Fachmann für Überwältigungs-Ambient. Ein gemeinsames Album der beiden ist also der nächste logische Schritt im graduellen Emotions-Overkill. Dabei ist ihre Kollaboration aus  physischer wie persönlicher Distanz entstanden: Die Grundlagen für Illusion Of Time wurden im jahrelangen File-Austausch gelegt und erst vollendet, als Avery im Jahr 2018 im Vorprogramm von Cortinis Band Nine Inch Nails auf Tour war. Die Zwanglosigkeit des Arbeitsprozesses ist den zehn Stücken durchaus anzuhören, an Dringlichkeit geht dabei jedoch nichts verloren. Ein hoffnungsvoll strahlender Lichtblick vielleicht, ganz sicherlich aber zu viel nervliche Überspanntheit für den kollektiven Quarantänekoller.

Reinschauen: „Illusion Of Time

Sufjan Stevens & Lowell Brams – Aporia (Cargo)

Sufjan Stevens schuldet der Welt noch ein paar Dutzend Konzeptalben, gibt sich jedoch störrisch, um nicht zu sagen altgriechisch. Aporia lautet der Titel seines Albums mit Stiefpapa Lowell Brams, der erste Song heißt „Ousia“ und im weiteren Verlauf wird noch mehr Bildungsbürgerbingo gespielt. Was genau das soll, ist vermutlich wohl eben die Aporie daran. Dass der 21-teilige Chill-Out-Synthie-Flächen-meets-IDM-Geklacker-meets-Bläser-Streicher-sonstwas-Zutaten-Instrumental-Clusterfuck allerdings auch ohne den Folk wunderbar freakig klingt, ist allemal die reine αλήθεια! Denn obwohl den beiden neben dem wundervoll schwerelosen Beat von „The Runaround“ vor allem viele Sound-Skizzen vom Laster fallen: Wäre diese Platte bereits im Jahr 1986 als Privatpressung erschienen, würden die Leute heute viel Geld für eine erweiterte Neuauflage bezahlen. Und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint.

Reinhören: „The Runaround