Schniefend im Café del Mar, mit Migräne im Himmel: Gigi Masin, Gang Of Four, DJ Marcelle, AKB und auch Real Estate haben (angeblich) neue Musik veröffentlicht.

AKB – Marianergraven (Lamour)

Anna-Karin Berglund nennt sich kompakt AKB und auch sonst interessiert sich die Schwedin dafür, wie trotz maximaler Kompression noch ein Minimum von Bedeutung übertragbar bleibt. Ihr neues Album Marianergraven scrollt sich entlang dichter Ambient-Sounds bis zum Ende der Deep Sea herunter. Obwohl die Dringlichkeit der abstrakten Klänge im Minutentakt zunimmt, lässt das vor allem wohlige Gefühle zurück. Ein kompakter Klangtauchgang also, der vielleicht gar nicht viel bedeuten muss.

Reinhören: „Marianergraven (Trailer #2)

DJ Marcelle/Another Nice Mess – Saturate The Market, Now! (Jahmoni Music)

DJ Marcelle ist die geilste DJ der Welt. Warum sie ihre Produktionen unter dem (Neben-, beziehungsweise Zusatz-)Alias Another Nice Mess veröffentlicht, haben wir genauso verstanden wie die Strukturierung ihres Plattentascheninhalts. Aber sie weiß das alles eben auch selbst und geht ihren Outsider-Art-Output mit einem Selbstbewusstsein an, das ein buchstäbliches ist: Saturate The Market, Now! heißt ihr sechstes Release innerhalb von lediglich vier Jahren, das obendrein von einer weitestgehend Dancefloor-freundlichen EP begleitet wird. So wie die zehn Tracks auf der LP allerhöchstens weitestgehend und definitiv nur auf bestimmten Dancefloors freundlich begrüßt werden dürfen. Zwischen Acid-Geklecker, ominösen Instruktions-Vocal-Samples („To start with, here are two examples of how not to hold the cowbell“), staubigen Post-Punk-Beats, Zappel-Dub und Drum-Machine-Gestotter saturiert Marcelle van Hoof immer noch mit der merkwürdigsten Dance-Music der Welt den Markt. Und hoffentlich einfach immer weiter so.

Reinhören: „Everything Not Yet

Gang Of Four – This Heaven Gives Me Migraine (Gill Music Ltd.)

Am Abschied steht ein Selbstzitat: „The body is good business / Sell out, maintain the interest / Remember Lot’s wife / Renounce all sin and vice / Dream of the perfect life / This heaven gives me migraine“. So hieß es im Jahr 1979 auf Entertainment, und This Heaven Gives Me Migraine heißt es auch Anfang 2020. Andy Gill ist nunmehr tot, das wohl letzte Gang-Of-Four-Release ein retrospektiver Gruß vom Totenbett. Von dort nämlich hat der Gitarrist der Band bis zum buchstäblichen finalen Atemzug die Genese dieser EP begleitet, die neben Neuinterpretationen von „Natural’s Not In It“ von Entertainment, „Toreador“ von der letztjährigen LP Happy Now und „The Dying Rays“, für dessen Originalversion die Band vor fünf Jahren noch Herbert Grönemeyer verpflichtet hatte, auch zwei von Gill eingesprochene Interludes beinhaltet. In denen geht es um das Pop-Musik-Gassenhauer-Thema (Liebe) und, äh, die Farbe Lila im Kontext der Natur? Okay, was auch immer. Eine Woche, nachdem Jan St. Werner den Kollegen Smith aus dem Grab rohrspatzen ließ, kommt jetzt hier nun also der nächste tote Post-Punk-Star ein letztes Mal zu Wort. Viel Sinn ergibt das eigentlich nicht, macht allerdings überdeutlich, dass ein jeder Abschied ungenügend ist. Auf Wiederhören, Andy Gill. Gang Of Four now is no more.

Reinhören: „The Dying Rays (2020)

Gigi Masin – Calypso (Apollo)

Gigi Masin hat genau das Karrierenarrativ durchlaufen, von dem die Pressezetteltexter_innen übereifriger Reissue-Labels träumen: Der Venezianer veröffentlichte im Jahr 1986 ein einziges Album mit repetitivem Trauerkloß-Ambient, hing dann allerdings seine unterdurchschnittliche Karriere weitgehend an den Nagel. Im Laufe der Zeit musste er allerdings feststellen, dass von Björk bis hin zu Post Malone ein Heer von Mainstream-Stars seine Stücke, allen voran „Clouds“ von seinem Split-Release mit Charles Hayward aus dem Jahr 1989, sampelten. Kaum fünfzehn Jahre später wurde Masin von New-Age-affinen Reissue-Labels wie Music From Memory hofiert und begann nach einigen sporadischen Veröffentlichungen wieder regelmäßiger damit, neues Material unter sein Publikum zu bringen – ob als Teil des Trios Gaussian Curve oder solo. Als Story ist das ausschlachtbar, die Musik aber bietet weiterhin kein Skandalon. Masins neues Album Calypso hat zwar epische Proportionen und bietet auffällig viele Trip-Hop- und Downbeat-Beats, setzt aber vor allem auf seit Jahrzehnten bewährte Kernkompetenzen: Bedeutungsvolle Synthie-Flächen treffen auf noch bedeutungsvollere Pianotupfer. Calypso ist das, was du auf den Airpods hörst, nachdem du dich weinend in eine Ecke des Café del Mar zurückgezogen hast. Und vielleicht ein beschwichtigendes vorläufiges Ende eines überdehnten Narrativs, gegen deren Vereinnahmung sich Masin mit einer dezidiert stinknormalen Platte wehrt.

Reinhören: „Amaranta

Real Estate – The Main Thing (Domino)

Geschätzt zehn Mal dieselbe Platte schreiben und niemand merkt es: Das können sie, die Jungs von Woods, äh, Real Estate. Zumindest steht deren Name auf dem Pressetext. Nachdem die Band im Jahr 2016 Songwriter Matthew Mondanile wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfen bezüglich sexueller Belästigung rausschmiss, war die – checks notes – fünfköpfige Gruppe aus – checks notes – irgendwo an der US-Westküste und mittlerweile sowieso Brooklyn herzlich wenig aktiv. Verübeln kann ihnen das nun wirklich niemand. Dass sie sich allerdings nun mit The Main Thing endgültig in die flanellgewandte Biedermeierigkeit des Kleine-Gesten-Folk-Rock zurückziehen, als hätte Destroyer diese Art von albumorientierten Soft-Rock-Scheiß nicht spätestens mit seinem letzten Album bravourös zu seiner letzten (un-)logischen Konsequenz geführt – ja, das allerdings schon. Als Album will The Main Thing vor allem eins: nicht weh-, sondern gut tun. Nach einer Dreiviertelflasche Chardonnay am Nachmittag mag das schon langen. Was es jedoch bei voller Nüchternheit betrachtet nicht tut: Not.

Reinschauen: „Paper Cup