Musik in Stammheim

Konsens-Schmuserock, deutscher Schlager, letzte Zeugenaussagen: Zum Soundtrack der RAF gehören Geschmacksentgleisungen genauso wie versehentlich nicht gelöschte Prozessmitschnitte. »Ein Tonband sagt mehr als tausend Manifeste«, schreibt Hörspielmacher  Andreas Ammer in unserer Print-Kolumne »Musik im…«

Eines vorweg: Einem Sound ist es weder egal, wer ihn macht, noch wer ihn aufnimmt und erst recht nicht, wer ihn hört. Politisch hingegen lautet die Frage: Wurden sie belauscht? SpiegelHerausgeber Chefredakteur Stefan Aust, der selbst ernannte Eckermann der RAF, hält es für sehr wahrscheinlich. Es gab in den Zellen in Stammheim die technischen Voraussetzungen, für die BRD die politische Notwendigkeit, und andere Abhörfälle waren vor an gegangen. Aber wo sind sie, die Stammheim-Tapes, insbesondere die der letzten Nacht vom 18. Oktober 1977? Und wenn abgehört wurde – so fragte Aust dann später bei Beckmann –, warum hat man die Bänder, auf denen sich die Verabredung zum Selbstmord finden müsse, damals nicht als Widerlegung der von der RAF propagierten Mordtheorie herangezogen? Oder warum – so ließe sich weiter fragen – ist der Staat im Abhörfall im vermeintlich stasifreien Teil der Republik seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen und hat die Selbstmorde verhindert? Wo sind die Bänder – diese und all die anderen, die den Soundtrack zur RAF darstellen? The revolution has been audiotaped!

    Nachts in den Stammheimer Zellen: Unterhaltungselektronik allenthalben. Die Nachricht von der Erstürmung der »Landshut« durch die GSG-9 war um 0 Uhr 38 übers angeblich versteckte Transistorradio von Raspe in den Trakt gelangt. Weitergeleitet wurde sie von Zelle zu Zelle über selbst gebastelte Gegensprechanlagen samt Lautsprecher und Mikrofon. Vollendet wurde die Geschichte mittels Baaders Plattenspieler, in dem ein Revolver versteckt war. Wer – wie die Ensslin – keine Pistole im Plattenspieler hatte, griff zum Lautsprecherkabel, um dem Leben ein Ende zu setzen. Am Ende dieser trickreichen Verschaltung von Radios, Kabeln und Plattenspielern im siebten Stock von Stammheim waren alle tot. Bis heute ist ein Rätsel, wer vom Staatsschutz an dieses tödliche Hörspiel angeschlossen war. Es ist unbewiesen, aber wahrscheinlich, dass geheime Verfassungsschutztonbänder diese Szenen mitschnitten. Der Soundtrack aber war ein anderer, und Andreas Baader bestimmte ihn persönlich: Ausgerechnet Eric Clapton spielte zu der makabren Szene die Gitarre. Denn als am nächsten Morgen der Oberterrorist mit von der eigenen Kugel durchschlagenem Schädel in der Zelle aufgefunden wird, liegt auf seinem Plattenspieler (der zuvor die Pistole enthielt) die letzte Platte, die er angehört hatte: »There’s One In Every Crowd«, ein völlig belangloses Solowerk des ehemaligen Gitarrengottes Clapton, veröffentlicht 1975.

    Baader war sonst um Stil sehr bemüht. Legendär seine von Hand genähten Samthosen im palästinensischen Ausbildungslager. Legendär der auberginefarbene Porsche 911 Targa, den er am Abend vor seiner Festnahme – zeitlebens ohne Führerschein –  efahren war. Umso unerklärlicher also die Banalität des Konsens-Schmuserocks. Dieser finale ästhetische Missgriff ist allerdings nur der letzte Ausrutscher in einer langen Reihe fehlgeschlagener Versuche der RAF, so etwas wie ein pophistorisch gültiges Werk zu hinterlassen. Geschmacksentgleisungen allenthalben.

44 Tage vorher. Nachmittags in Köln: Das Kommando, drei Männer, eine Frau, sitzt im Cafe »Strass«, trinkt brav Kaffee, isst Krapfen und wartet auf einen Anruf. Es wartet, bis einer der Kollegen von der RAF durchklingelt, um das Codewort für den Start der »Big Raushole« zu nennen. Es ist der Titel eines deutschen Schlagers von 1969. »Mendocino« – Wenn in der Telefonkette dieses Wort fällt, werden sich die vier mit Aufputsch- und Beruhigungsmitteln vollgepumpten Terroristen von ihren Plätzen erheben und ihr Todeswerk beginnen. Sie werden kugelsichere Westen tragen oder haben – nach einem Ratschlag Che Guevaras – gefastet, da ein Schuss in den gefüllten Magen als tödlich gilt. Die Vier werden Waffen in einen Kinderwagen packen, an einer Straßenecke mit einem gelben Mercedes den Wagen von Hanns Martin Schleyer rammen und in einem Blutrausch und Kugelhagel sondergleichen mit 130 Schüssen binnen 120 Sekunden dessen vier Begleiter brutaler ermorden, als es sich Quentin Tarantino ausdenken könnte. Im Kopf womöglich noch den Ohrwurm »Mendocino / Ich fahre jeden Tag nach Mendocino«. Das Grauen des deutschen Schlagers in Ehren: So etwas konnte Michael Holm mit seiner Coverversion des gleichnamigen Tex-Mex-Hits des Sir Douglas Quintets nicht gewollt haben.

    In den nächsten Tagen macht sich die RAF daran, mit Tonband und Mikrofon ihren eigenen Soundtrack aufzunehmen. Einige Tage nach der Schleyer-Entführung sollte der Arbeitgeberpräsident und Ex-SS-Mann in seinem »Volksgefängnis« in Köln, Zum Renngraben 8, 3. Stock, Wohnung 104, offiziell verhört werden. Um die Ernsthaftigkeit ihres Unternehmens zu unterstreichen, nahmen die Terroristen des »Kommando Siegfried Hauser« ein »Uher-Tonbandgerät samt Mikrofon« mit in sein Zimmer. Nach dem Testat des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock begann das Tonbandverhör mit den Worten: »Wir sind Mitglieder des Kommandos der Roten Armee Fraktion, das sie entführt hat. Wir werfen Ihnen eine Reihe von Verbrechen vor, angefangen mit Ihren Funktionen und Tätigkeiten in der NS-Studentenschaft, der NSDAP und der SS bis hin zu Ihrer Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Nachkriegsdeutschlands nach 1945. Sind Sie bereit, sich zu diesen Vorwürfen zu äußern?« – Der Angeklagte soll darauf amüsiert erwidert haben: »Habe ich denn eine reale Chance, ihre Vorurteile zu revidieren, wenn ich mich darauf einlasse?« Im weiteren Fortgang des Gesprächs wird sich Schleyer den Terroristen geistig und wirtschaftspolitisch weit überlegen zeigen. Nach wenigen Tagen sei eine seltsame Vertrautheit der Entführer mit dem Entführten entstanden. Man habe sich geduzt, gemeinsam die Erklärungen an die Bundesrepublik verfasst und schließlich die Verhöre samt den Tonbandaufnahmen abgebrochen. Vom Verbleib dieser Bänder aus dem »Volksgefängnis« ist nichts bekannt. Zur Audio-Grundausstattung dieser Republik gehören nur die verrauschten Tonspuren der Halbzollvideobänder, auf denen Schleyer verzweifelt zum Volk spricht: »Ich wende mich an die Öffentlichkeit und hoffe, dass es noch genügend freie Journalisten gibt…«

    Schon am Anfang der Geschichte der Baader-Meinhof-Bande stand ein Tonband. Es stammt von Ulrike Meinhof, dem zuvor gerne gesehenen und gerne gehassten Talkshowgast der frühen Bundesrepublik. Zeitpunkt: kurz nach der Befreiung Baaders, an der die Meinhof eigentlich nur am Rand teilnehmen wollte, dann aber abrupt als Promi in der Illegalität landete. Als geschossen wurde, ließ sie über den Rechtsanwalt Horst Mahler der eingeflogenen Journalistin Michelé Ray die Rechtfertigung für diese Aktion auf einem Tonband überreichen. Ray verkaufte dieses Tape – laut RAF für 1.000 Dollar – dem Spiegel. Ein klassisches Bootleg. Denn im Jahr darauf haben Meinhof/Ensslin in ihrem schriftlichen »Konzept Stadtguerilla« wortreich versucht, sich von diesem wütenden Statement zu distanzieren. Umsonst! Ein Tonband sagt mehr als tausend Manifeste. Von Meinhofs Tonband, das die erste Verlautbarung der RAF darstellt, stammen dann auch all die berüchtigten Wendungen, mit denen die RAF für immer verbunden werden sollte: »Bullen sind Schweine« und »natürlich kann geschossen werden«. Spiegel-Herausgeber Stefan Aust, der gerne so etwas wie einen historischen Alleinvertretungsanspruch für die Historiografie der frühen RAF für sich reklamieren würde, ließ vor Jahren auf meine persönliche Anfrage mitteilen, dieses Band existiere im Spiegel-Archiv leider nicht mehr. Heute zelebriert er dessen Besitz in seinen vielfältigen TV-Dokumentationen.

Womit wir beim zwischenzeitlich letzten und merkwürdigsten Kapitel der Geschichte des Sounds of Terror sind. Es ist nicht anders als bei jeder erfolgreichen Popgruppe: Mit den Jahren tauchen immer mehr legale, halblegale oder illegale Mitschnitte von Auftritten auf. Der Rest ist Streit um die Rechte am Material, der auf jede erdenkliche Weise geführt wird. So wurde am 31. Juli dieses Jahres der ARD-Zuschauer Zeuge eines eigenartigen Tagesthemen-Beitrages. Seine Macher hätten prominenter nicht sein können: Spiegel-Herausgeber Stefan Aust, dessen rechte TV-Hand Helmar Büchel und NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. Drei Journalisten also, die sich sonst selten in den Untiefen des journalistischen Tagesgeschäftes verirren. Es ging um das Vorrecht am Originalsoundtrack der RAF.

    Denn im Laufe des Tages waren auf einer wenig beachteten Webseite des SWR vier OTon-Ausschnitte aus dem Stammheim-Prozess veröffentlicht worden, von deren Existenz bisher niemand etwas wusste. Zu hören sind Sensationen: Ulrike Meinhofs letzte Zeugenaussage vor ihrem Selbstmord, in der sie spürbar von der RAF abrückt, aber vor Gericht kein Gehör findet. Weiters: die ersten und damit bisher einzigen Tonaufnahmen von Andreas Baader. Dieser spricht mit ruhiger, tiefer Stimme. Sachlich, kein bisschen hysterisch, aber etwas wirr. Bootlegs from history, aufgenommen im Prozess als Gedächtnisstütze und dann versehentlich nicht gelöscht. Der tapfere SWR-Mitarbeiter stellte diese Aussagen – ausgewählt aus Stunden archivierten Materials – im»Archivradio« des Senders ins Netz.
    Spiegel-Online fand sie kurz darauf und fragte höflich an, ob man darauf verlinken dürfe, das sei doch eine nette Geschichte. Stefan Aust, der Chef, sah das anders. Dieser hatte eben diese in einem öffentlichen Archiv untergebrachten Bänder Wochen später als exklusiven Scoop samt flankierendem Spiegel-Titelbild in seinem teuren ARD-Film verkaufen wollen. Man munkelt: Nach wütenden Anrufen Austs bei diversen ARD-Intendanten musste der SWR seine Töne, für die er ordnungsgemäß Nutzungsrechte bezahlt hatte, kurzzeitig aus dem Netz nehmen, bis Aust und Kollegen am Abend persönlich deren Entdeckung via Tagesthemen verkündet hatten.

    Jenseits dieses Streits, nach all den Jahren, in denen Baader als hysterischer Dandy dargestellt wurde, ist es fast gespenstisch zu vernehmen, wie der Eric-Clapton-Hörer mit ruhiger, wohlklingender Stimme im Prozess aussagt und offensichtlich darum kämpft, ernst genommen zu werden: »Sie haben ignoriert, was wir hier zwei Tage lang vorgetragen haben. Nämlich die Darstellungen von Verantwortung und Verantwortlichkeit, bezogen auf Ihr Ritual hier. Und Sie ignorieren es jetzt wieder, das heißt Sie versuchen, eine einfache Erklärung dazu, drei Sätze, die im Grunde wirklich das Ungeheuer, dem Sie hier vorsitzen, füttert, die unterbinden Sie einfach. Das ist wirklich sehr interessant. Wir glauben inzwischen, dass Sie diesen Prozess hier gar nicht abkürzen können. – Nun hören Sie doch mal auf zu grinsen!«

    Was aber ist der Skandal (oder: Worin liegt das Kapital) an Tönen, an diesem Sound, dessen Inhalt via Prozessakten jahrzehntelang bekannt war? Zum einen kann der Sound nicht lügen. Zum anderen stand in Bezug auf die RAF schon immer die Dokumentation im Ruche der Subversion. Dies hat als erster Brian Eno entdeckt, der bereits 1977 auf der B-Seite seiner Single »King’s Lead Head« die Originalstimmen der RAF in den Pop überführte. Der O-Ton-Dokumentation »Die Arbeit ist erledigt oder Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen« von Axel Knapp, Detlev Michelers, Werner Sünkenberg, die 1978 bei Trikont erschien, ging es da ebenso wie der ungleich berühmteren Kino-Dokumentation »Deutschland im Herbst« von Alexander Kluge u. a. Die Arbeit wird fortgesetzt, nur der Kino-Blockbuster von Bernd Eichinger und Stefan Aust im nächsten Jahr wird der Wahrheit der Sounds nichts hinzufügen können.

Andreas Ammer veröffentlichte mit FM Einheit 1997 die Hörspiel-Trilogie »Deutsche Krieger«, deren letzter Teil »Ulrike Meinhof Paradise« aus Originaltönen der Terrorjahre 1967–77 bestand. Die Reihe wird mit frischem Sound fortgesetzt.

 

 

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