Múm Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok

Zugabteile sind immer ähnlich. Egal, ob erste oder zweite Klasse, ICE oder Regionalbahn. Klar, sie sind anders aufgebaut. Strukturierter, hierarchischer oder gepflegter. Aber das, worauf es ankommt, ist immer ähnlich: Reisende. Blicke auf die vorbeirasende Landschaft, bemüht dezente oder auch bemüht laute Gespräche. Gerüche und Geräusche, das leichte oder stärkere Rattern des Zugs auf dem Gleisbett. Sofern man sich nicht selbst in ein Gespräch oder Buch vertieft, verlangsamt sich die eigene Wahrnehmung. Der Blick wird apathischer, die Details erscheinen kontrastreicher. Der rote Griff der Notbremse neben der Waggontür. Die abgewetzten Polster. Die in vier Sprachen beschrifteten Siegel der Notausstiegsluken alias Fenster. Und wieder eine Kurve.
    Bitte nicht missverstehen: »Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok« auf Zugreisen zu reduzieren, greift bei weitem zu kurz. Was das erste Album von Múm ausmacht, ist eher der sanft vor sich hin rauschende Charakter, das beständige Schaukeln der digitalen Herzschläge und der Abwechslungsreichtum der Eindrücke. Ein Sog der Impressionen, der die ganze Melancholie der Stunden ohne direkte Bewegungsfreiheit oder -drang spiegelt. Was hier nach sechs Jahren wiederveröffentlicht wurde und damit erstmals mit ordentlichen Vertriebsstrukturen ausgerüstet ganz Europa und die USA erreicht (erstveröffentlicht wurde das Album 1999 beim Elektronik-Label Thule), klingt auch heute noch seiner Zeit voraus. Ganz einfach, weil Múm bzw. ihre Musik von Zeitlosigkeit leben. Am Ende geht es ja ohnehin nicht um die Reise selbst. Es geht ums Ankommen.

LABEL: Morr Music / Hausmusik

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 04.10.2005

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