Multiple Joyce

Anfang des letzten Jahrhunderts veröffentlichte der irische Schriftsteller und Dichter James Joyce seinen ersten Gedichtband »Chamber Music« – das Werk wurde seitdem immer wieder von zeitgenössischen Künstlern neu interpretiert, aktuell auf einer 36 Stücke umfassenden Compilation. Thomas Hübener über das Werk des 1941 in Zürich verstorbenen Joyce, der mit seinen Werken Denkanstösse für unter anderem John Cage, Syd Barrett, Lee Ranaldo und Nick Talbot gab.

James Joyce

JAMES JOYCE: Am University College Dublin studierte er ab 1898 Philosophie sowie Englisch, Italienisch und Französisch. Das Bild entstand im Sommer 1904, sein Kommilitone Constantine P. Curran fotografierte den damals 22-Jährigen Iren. Wenig später zog Joyce mit seiner Ehefrau Nora nach Zürich.

(Foto: Public Domain, Constantine P. Curran)

Bei kaum einem anderen Werk von literarischem Weltrang dürfte das Missverhältnis zwischen Bekanntheitsgrad und Gelesenheit krasser sein als beim von James Joyce verfassten »Ulysses« (1922). Dabei waren die Anfänge des irischen Dichters, der die poetische Sprache durch zahlreiche Verklanglichungsoperationen revolutionierte und aus dem Korsett des einen, linearen, durch narrative Konventionalisierung tradierten Sinnes befreite, durchaus der Überlieferung verpflichtet. Vor der Etablierung der Stream-of-consciousness-Technik im »Ulysses« und der ungemein erfrischenden, da textuelle Polyphonien freisetzenden Zersetzungsarbeit, die 1939 als »Finnegans Wake« veröffentlicht wurde, entstanden stilistisch und thematisch eklektizistische, wenn nicht gar epigonal zu nennende Liebesgedichte. Der junge Joyce selbst, der damals noch nicht wusste, ob ihn seine künstlerischen Neigungen eher in die Arme der Literatur oder zu einer Karriere als Operntenor führen würden, schwankte bei der Charakterisierung dieser frühen Lyrik zwischen der Bezeichnung ›songs‹ und ›verses‹. Sie griffen auf die lyrischen Muster der elisabethanischen Lautenlieder John Dowlands und John Danyels zurück. Auch der Einfluss des zeitlich näheren französischen Symbolisten Paul Verlaine lässt sich an ihnen ausmachen.

    1907 wurden 36 dieser frühen Joyce-Gedichte in einer Auflage von nur 509 Exemplaren in London veröffentlicht. Es handelte sich um die erste Buchveröffentlichung des Dichters überhaupt. Die Sammlung, die sich trotz wohlwollender Rezensionen zunächst nur schleppend verkaufte, erhielt den Titel »Chamber Music«. Später versah der sprachspielverliebte Joyce diesen Titel unter Anspielung auf den ›chamber pot‹ mit urinistischen Konnotationen und suggerierte, dass jene ›Musik‹ gemeint sei, deren Klang beim Pinkeln in einen Nachttopf erzeugt werde. Das ist zwar hauptsächlich in der Rubrik ›Spaß‹ abzusortieren. Man kann in dieser Deutung allerdings auch die Adelung einer ganz anders, nämlich pissoirhaft gedachten ›Wassermusik‹ zum gleichberechtigten Kulturgut erkennen. In ihr kündigt sich möglicherweise schon die spätere Ausdehnung des traditionellen Musikbegriffes auf Umweltgeräusche an. Zuletzt wies der Literaturwissenschaftler Thomas Köhler in seinem Buch »James Joyce und John Cage« nach, inwieweit der Ire mit seiner erweiterten Sprach- und Musikauffassung den Avantgardekomponisten John Cage anregte.

    In »Finnegans Wake« findet sich dann kraft einer für die Joyce’sche Poetik typischen Instrumentalisierung lautlicher Ähnlichkeiten die retrospektive Deutung der »Chamber Music« als ›Shamebred Music‹, also ›schamgeborene Musik‹. Lustige pornographische Derbheiten aber, wie man sie aus dem »Ulysses« kennt, sind im »Chamber Music«-Zyklus – sieht man von der ein oder anderen obszönen Deutungsmöglichkeit ab – nicht enthalten.

    »Chamber Music« wurde oft musikalisiert. Zu den bisherigen Interpreten gehören moderne Komponisten wie Samuel Barber und Luciano Berio sowie Musiker wie Robin Williamson (The Incredible String Band), Syd Barrett und Martyn Bates (Eyeless In Gaza). Nun liegt auf einer Doppel-CD eine alle 36 Stücke des Gedicht-/Songzyklus umfassende Vertonung vor, an der seit 2003 gearbeitet wurde und die vermutlich bereits zum 100-jährigen Jubiläum der »Chamber Music«-Erstveröffentlichung im Jahr 2007 hätte erscheinen sollen.


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CHAMBER MUSIC: Auf Doppel-CD und Doppel-Vinyl erhältlich sind die 36 Interpretationen des 1907 erschienenen Joyce-Werks, gespielt und gesungen von u.a. Steve Shelley, Lee Ranaldo, Mike Watt, Jessica Bailiff, Willy Mason, Jeff Kelly, Peter Buck, Nick Talbot und The Mercury Rev.

Was bei dieser Zusammenstellung auffällt, ist der Umstand, dass der überwiegende Teil der Interpretationen auch vor gut zwanzig Jahren hätte aufgenommen worden sein können: Experimenteller, aber den nicht mit Neuer Musik vertrauten Hörer keineswegs überfordernder Ästhetizisten-Art-Pop bildet einen Schwerpunkt dieser Joyce-Hommage. War Against Sleep klingen ein wenig wie This Mortal Coil anno 1984, HTRK verbreiten ebenso eine experimentelle Grunddunkelheit wie die sich aus bedeutungsschwangeren Hintergrundsounds und gruselig dräuenden Electronics herausschälenden Spoken-Word-Beiträge von Mercury Rev, Bardo Pond und einem Projekt, das tatsächlich Kinski heißt. Auch beim Track von Text Of Light – ein Name, hinter dem sich der Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo verbirgt – wird nicht gesungen: Stattdessen rezitieren mehrere Sprecher synchron über züngelnden Gitarren-Feedback-Schleifen Poem Nummer »XII«. Ab und an grüßen Beiträge in Richtung der Grenze zum Nervtötenden, ohne indes an ihr zu rütteln oder sie gar zu überschreiten: Das ist der Fall beim krachig-splitternden Noise der eher freundlichen End-Achtziger-Sorte, den Ed Harcourt generiert, und beim verschlierten und mit verstimmten Akustikgitarrensounds garnierten Elektronikeinsatz von Airport Studies.

    Ein weiterer Akzent liegt auf folkigen Beiträgen: Jessica Bailiff bittet in ihrer sehr erfreulichen Vertonung von Gedicht/Song »IV« zum von Flöten, Schellen und Lautenklang begleiteten Maibaumtanz, während die großartigen Virgin Passages chaophilen und angenehm schiefen waldelfenhaften Kleinmädchengesang zu im Hintergrund herumfinsternden Störgeräuschen geben. Zum Genre der mit akustischem Saiteninstrument begleiteten Ballade neigen des Weiteren Owen Tromans und Flying Saucer Attack, derweil Venture Lift dunkel treibende, vortexhafte Psychedelia mit mantrahaftem Gesang bieten. Darüber hinaus werden auch die Genres Progressive Pop (Lovetones), Middle-Of-The-Road-Folkrock (Green Pajamas) und – leider – Indie-Schweinerock (Puerto Muerto) gestreift. Verträumt-psychedelisch nimmt sich der kurze Promitrack von R.E.M.s Peter Buck alias Minus 5 aus, bei dem sich hallig-lysergischer Harmoniegesang und eine fuzzy Gitarre die Hand reichen.

    Höhepunkte sind Coldharbourstores mit einer herrlich wehmütigen Adaption von Song »XVIII«, der großartige, hypnotische Track von Great Depression mit einem wiederum für Achtziger-Jahre-Dandies typischen aufgefinsterten männlichen Pathosgesang, der sich um stimmliche Limitationen nicht bekümmert, sowie das erwartet gute Gravenhurst-Stück, über dem der Geist von Simon & Garfunkel schwebt. Auch der mit gut durchtrainierten Beats in Szene gesetzte Electro-Pop von Mountain Men Anonymous mit seinem geschlechtlich kaum einzuordnenden Gesang aus der Geschlossenen hat seinen nicht unsicken Reiz. Der Beitrag von Ian Keary klingt mit seinem tiefergelegten Gesang zu lieblichem Mandolinenklang ebenfalls wie aus einer anderen Zeit, in der neben dem Plattenspieler noch Alben von Paul Haig, Bill Pritchard oder Biff Bang Pow! lehnten.

    Fazit: Es gibt hier sehr vieles zu entdecken, aber wie bei den meisten Samplern auch einiges Entbehrliche. Wer auf Durchhörbarkeit sehr großen Wert legt, sollte der Komplettvertonung der »Chamber Music« durch den immer noch allzu unterschätzten Eyeless In Gaza-Sänger Martyn Bates eine Chance geben. Sie erschien auf zwei CDs verteilt 1994 und 1996 (auf Sub Rosa) und ist von betörendem, oftmals in glockenhelle A-Capella-Miniaturen auslaufendem Minimalismus.


Die Compilation »Chamber Music – James Joyce 1907« erscheint am 30. Mai 2008 (Fire Records / Cargo). Kurze Ausschnitte aus allen 36 Beiträgen kann man auf der Homepage von Fire Records streamen, weitere Hörproben finden sich in voller Länge auf dem JoyceSpace.

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