Transhumanismus im Theatergewand: Beim fünftägigen Festival „Politik der Algorithmen“ in den Münchner Kammerspielen – SPEX ist dabei.

Künstliche Intelligenz scheint mittlerweile überall zu sein: Im Pop, in der Kultur, im Müsli. Nur das Theater beharrt noch darauf, ein nach wie vor genuin analoger Raum zu sein. Spätestens nach dem Zeitraum vom 16. Juni sollte mit diesem Irrglauben aufgeräumt worden sein. Im Rahmen des Festivals „Politik der Algorithmen”, welches in den Münchner Kammerspielen stattfindet, werden die Verflechtungen von Kunst, Leben und künstlicher Intelligenz in den Fokus gerückt und auf Prozessor und Arbeitsspeicher geprüft.

Eröffnet wird das multidisziplinäre Festival durch die Keynote „Intelligenz, künstlich und komplex” von Dirk Baecker. Der Soziologe wird über die Implikationen einer Kultur der Komplexität anstelle einer Kultur der Vernunft sprechen – und sich dabei mit Sicherheit auf die Argumentation seines aktuellen Buchs „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt” stützen. Darin erläutert Baecker die weitreichenden Auswirkungen der künstlichen Intelligenz im Detail und vergleicht sie in ihrer kulturellen Tragweite etwa mit dem Buchdruck oder der Einführung der Schrift.

Wird über „Proto“ und ihre Perspektive auf KI sprechen: Holly Herndon (Foto: Boris Camanca)

Ein Highlight unter vielen wird die am 12. Juni stattfindende Konzert-Performance von Holly Herndons neuer Platte Proto. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit einer künstlichen Intelligenz, die von Herndon, Mat Dryhurst und Jules LaPlace programmiert worden ist. Sie hört auf den Namen „Spawn” und wurde im Laufe des letzten Jahres mit Ensemble-Proben darauf trainiert, unbekannte Geräusche zu erkennen und neu zu interpretieren. Nun stehen die ersten Live-Termine der KI-Mensch-Kollaboration an. Mit Proto stellt sich Herndon explizit gegen das aktuelle Narrativ, dass Technologie entmenschliche. Vielmehr steht sie dafür ein, dass eine KI gebildet werden soll, die Schönheit des menschlichen schätzt und mit ihr auf einer Ebene interagiert.

Über den Entstehungsprozess von Proto und die dabei aufkommenden Überlegungen, etwa wie machine learning Musik beeinflussen kann, wird SPEX-Chefredakteur Dennis Pohl mit  Herndon und Dryhurst im Talk „Making Of Proto” sprechen. Weitere, in der Rubrik Diskurs stattfindenden, Talks beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Algorithmen, Big Data und K.I. in den Kontexten von Bildender Kunst, Identität, Feminismus und Theater. Unter dem Schirm des Diskurs-Schwerpunkts Popkultur wird am Samstag die US-amerikanische Musikjournalistin Liz Pelly über die Konsequenzen des personalisierten Musikgeschmacks im Streaming-Zeitalters sprechen. Am Abend folgt ein Konzert der in Berlin lebenden Finnen von Amnesia Scanner. Bei der anschließenden Party wird der ehemalige SPEX-Chefredakteur Arno Raffeiner gemeinsam mit Janoshi auflegen.

Zusätzlich loten diverse Performances den Raum aus, der sich zwischen transhumanistischen Idealen und Technikfeindlichkeit auftut und formulieren die Möglichkeit von intimen Beziehungen mit dem Nicht-Humanen aus. Das etwa Technologie auch ein Organismus sein kann, wird in der Installation „Algorithmic Rituals – The Infinite Self” von Susanne Kennedy und Markus Selg aufgegriffen.

Kuratiert wurde das Festival vom ehemaligen SPEX-Chefredakteur Christoph Gurk unter Mitarbeit von Ulla Heinrich, Fabian Pelzl und dem aktuellen SPEX-Chefredakteur Dennis Pohl. Was Skynet mit „Politik der Algorithmen” zu tun hat, müssen Sie hingegen selbst herausfinden.

SPEX präsentiert Politik der Algorithmen – Ein Festival über Kunst, Leben, künstliche Intelligenz
11. – 16.06 München – Kammerspiele