Ms. John Soda – Tour & Video »Sirens«

Ms. John Soda machen traurig und trösten im selben Atemzug.

Als ich Hecta, das neue Projekt von Kurt Wagner von Lambchop, hörte, dachte ich, dass der verdienstvolle Musiker damit sein Popunterbewusstsein bewusst zu Tage treten lässt. Hectas Album The Diet klingt wie Sisters Of Mercy der uninteressanteren Bombast- beziehungsweise Jim-Steinman-Produktionsphase, wie James Ray oder sogar Scooter für Hornbrillen. Aber, aber! Nun denn. Wenn bei Ms. John Soda Stefanie Böhm (Couch) und Micha Acher (The Notwist, Tied & Tickled Trio, Alien Ensemble) plus eine Menge Gäste nach jahrelanger Pause weitermachen, braucht es keine Psychoanalyse. Und das ist gut so.

Neun Jahre nach Notes And The Like knüpfen Böhm und Acher mit Loom beim wunderschönen Wort Indietronics an, das als journalistischer Genrebegriff durchaus sinnvoll ist/war und für kaum eine Band neben eben The Notwist und Lali Puna so sehr stand wie für Ms. John Soda. Die Stücke »In My Arms« und »Hero Whales« klingen wie eine angenehme Art von Biohof-Indie. Bevor wir allerdings in den berufsjugendlichen Streichelzoo spazieren, sei betont, dass die zehn Stücke auf Loom dafür einerseits doch zu sehr hüpfen, fiepen und neue Dinge ausprobieren und andererseits wieder zu wohltuend melancholisch sind.

Ausgeruhtheit bedeutet bei Ms. John Soda Souveränität. Ein bisschen Sicherheit, die nicht gleich Konservatismus, Spießertum oder Nostalgiemodus heißen muss, kann in all dem schwachsinnigen Weltterror nicht schaden. Loom ist deswegen weder Opium noch Eskapismus. Ms. John Soda machen traurig und trösten im selben Atemzug. Das an Robert Wyatt erinnernde, innehaltende Stück »Sodawaltz« läuft bei mir, während in den Fernsehnachrichten zu sehen ist, wie Kriegsflüchtlinge an Europas Grenzen mit Leuchtraketen beschossen werden (meine Mutter ist einst mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auch geflohen), organisierte Kriminelle Kulturgüter niederreißen oder Forscher enthaupten und Idioten in Zügen um sich schießen. Shocking. So kann das nicht weitergehen. Wir müssen etwas tun. »Hi Fool« und »Sirens« weisen den Weg und schreiten voran, »Fall Away« bremst dann am Ende wieder aus, macht nachdenklich. »Spielt Loom und helft!«, denke ich mir. Gegen eine Adiaphorisierung, also Entmoralisierung, im Sinne des Soziologen Zygmunt Bauman. Oder auch gegen den etwas weniger bedrohlichen Verlust einer Utopien offerierenden Popmoderne im Sinne des Journalisten und Zeitdiagnostikers Mark Fisher. Ich werde es versuchen. Ms. John Sodas Musik bewegt mich dazu, selbst wenn sie vielleicht ganz anders gedacht war.

Ms. John Soda live
18.02. Köln – Gebäude 9
19.02. Leipzig – Werk 2
20.02. Hamburg – Turmzimmer @ Uebel & Gefährlich
21.02. Freiburg – Café Atlantik
01.03. Frankfurt – Das Bett
02.03. Berlin – Kantine am Berghain
03.03. Bremen – Lagerhaus
05.03. Dresden – Beatpol
06.03. München – Import / Export

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