MS Dockville Festival in Hamburg – Rückblende in Wort und Bild

Findus / Fotos: Raoul Becker

Trotz fehlender Ecken und Kanten: das Dockville ist und bleibt eines der detailverliebtesten Festivals in Deutschland. Ein Blick zurück auf ein Wochenende mit viel Pose und weniger Haltung.

Die Kulisse bleibt einzigartig. Selbst nach der Internationalen Bauausstellung, -Gartenschau-Verbauung und der Umstrukturierung des Festivalgeländes bleibt der Charme einer Insel, verloren in der Industrie des Hamburger Hafens. Hin und wieder tuckert ein Schiff vorbei, ansonsten bleibt man ungestört.

fourtetFour Tet

Die Infrastruktur hat sich verbessert, es gibt nur noch einen Campingplatz, das Anstehen für Essen und Toiletten gehört nahezu der Vergangenheit an. Das könnte auch daran liegen, dass das MS Dockville in diesem Jahr nicht ausverkauft ist – es fühlt sich trotzdem so an. Interessieren sich die Hamburger nicht mehr für ihr größtes Festival? Oder zieht es weniger Zuschauer aus den umliegenden Dörfern und Städten an? Auf dem Campingplatz herrscht jedenfalls gehobene Dorf- (oder Hurricane-)Kultur mit zu vielen grölenden und betrunkenen Jugendlichen. Kerngruppe: Jungvolk.

youngfatherslive1Young Fathers

Die vielen Sonnenuntergangsfotos sind Zeugen eines Dreitagessommers. Die Festivalatmosphäre spiegelt die Witterung: man lässt es besser langsam angehen. Auf dem Artville Gelände eröffnen sich zwischen Kunst und Designmarkt immer wieder versteckte Ecken zum Liegen, Tanzen, Trinken. Oft weiß man nicht mehr so recht: Kunst oder Kulisse? Das gilt auch für die Besucher, die vermehrt zu Selbstdarstellern werden: man glitzert und tanzt stets ein wenig aufgesetzt.

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Ein Eindruck, der sich auch im Line-up bestätigt: viele der Bands klingen austauschbar, gebucht, weil sie gehypt wurden, liefern sie auf dem Festival aber leider eine durchschnittliche Show ab. Zum Glück fehlen die Künstler, die alles wieder rausholen, nicht komplett.

Findus spielen eines ihrer letzten Konzerte für längere Zeit und müssen hart arbeiten, um das Publikum für sich zu gewinnen. Young Fathers sind auch eine dieser Bands, die mit Präsenz und Botschaft glänzen und wahrscheinlich den ein oder anderen überzeugen, der vorher noch nie von den Schotten gehört hat. Diese Vermutung legt zumindest die anfängliche Ebbe vor der Bühne nahe – zum Schluss fluten die Zuschauer die Tanzfläche. Eine Überraschung ist auch der Popboy Tom Odell, dessen fesselnder Auftritt klarstellt: er ist nicht nur ein seichtes One-Hit-Wonder, sondern darüber hinaus ein überzeugender Entertainer.

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Neben einigen HipHop-Acts wie beispielsweise Antilopen Gang (man muss sich angesichts der Massen, die sie anziehen und euphorisieren, ernsthaft fragen, warum es momentan überwiegend Rapkünstlern gelingt, das Publikum für politische Botschaften zu gewinnen) bewegen zahlreiche renommierte elektronische Künstler die Menschen vor die Bühne: Four Tet, Caribou und Alle Farben spielen solide Shows und liefern den heimlichen Soundtrack zu einem detailverliebten Festival. Schön kann man das nennen, und in jedem Fall gelungen, und muss trotzdem fragen: wo waren Ecken, Kanten, Attitüde – und Rock?

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