Die MS-Dockville-Kulisse bei Nacht   FOTOS: Robin Hinsch

Wohin geht das liebe Geld und wohin das Tanzbein? Zwei Fragen, auf die das diesjährige MS Dockville Festival in Hamburg unterschiedlichste Antworten gab.

Zeitweise kann man auch auf den kommerziellen Safety-First-Festivals trotz Massenabfertigungscharakter Großartiges erleben. Doch vorerst: Drop-Off Zones, digitale Smartphone-Tickets, manuelles Ganzkörper-Screening, Taschenkontrollen und Zivilpolizei. Auch beim MS Dockville in Hamburg. Nett, sauber und besucht von jungen Schlawinern um die sechzehn, solchen die sich dafür halten – und ihren Eltern. Ein Hamburger Musikfamilien-Treffen mit internationalen Mittelgewichten im Hauptprogramm.
Zunächst viel sphärisches Synthiegeballer durchsichtiger Weltenwandler auf den Hauptbühnen. Die musikhistorische Relevanz des Lineups ist in jedem Fall über lange Strecken streitbar. Für den Casperschen Hiprock ist die Rakede da. Für Spaßrap mit Konfettiparty MC Fitti und die Orsons. Vodka, Vodka, Vodka, Apfel, Zimt… und eins, zwei, drei, vier: Springen! Wo kommt eigentlich diese zugedröhnte Lebensfreude her? Wahrscheinlich wie alle Musik aus dem Leben, dem Fernseher und dem Radio. Was auch immer. Sprit, Feuerwasser, Bier, Bier, Bier!

Knutschen und Tanzen ist immer möglich. Und es belebt Körper und Geist mindestens so mächtig wie zwölf Dosen Red Bull.

Trotzdem. In den Ecken und Winkeln und vereinzelt auf den Hauptbühnen des liebevoll inszenierten Abenteuerspielplatzes Dockville verschafft sich einiges an guter Musik Gehör. Amir Mohamed el Khalifa alias Oddisee, Produzent und Wortkünstler des US-amerikanischen »intelligent HipHop«-Labels Mello Music Group.  Ein Lichtblick zwischen den vielen weltfremden Texten und computergenerierten Sounds.
Trümmer, die aus Hamburg kommen, denen das jetzt aber nicht so wichtig ist, zeigen mit ihrem vierzehnten Festival-Auftritt diesen Sommer eine rasante Entwicklung zur überzeugenden Live-Band. Am Nachmittag decken dann die DJ-Sets eines Mitbegründers des Hamburger Labels Pingipung plus Kompagnons auf, wer tatsächlich tanzen kann – oder eben über die um sich greifenden 48-Stunden-MDMA-Bewegungen nicht mehr hinauskommt. DJ Koze versetzt abschließend und bei strömendem Regen trotzdem selbst letzteres Klientel noch einmal in ansehnliche body movements.

Dahinter und davor stellt sich am regnerischen Sonntag – nach Gesprächen über Künstlergagen, Organisation, scheinbar mächtige Fressbuden-Kartelle sowie exklusive Lizenzvergaben an die Energydrink-Diktatur No. 1 oder Elektronikriesen – die Frage nach der Prioritätengewichtung dieses Festivals. Was z.B. hat es mit dem Kunstcamp auf sich? Vielleicht kann man ja nächstes Mal den Kleinkünstlern mehr zahlen, wenn ihre Kunst auch der Publikumsmehrheit verständlich ist. Vielleicht irgendwas aus Glitzer, Muskelshirts und Jutebeuteln. No offense, aber das entzieht sich jedenfalls meinem Verständnis. Eins steht ausser Frage: Irgendwie muss man so ein Festival ja finanzieren. Geld regnet es bekanntlich nicht vom Himmel und die Festivalauflagen in Deutschland sind auch kein Zuckerschlecken. Also weitermachen. Funktionieren tut es allemal.

Jetzt weiterlesen: Das Blog der Kunstcamp-Macherinnen bei uns und »Der neue Simplizismus« – ein SPEX-Porträt über Trümmer, Zucker und Hamburg –; oder das Video zu »Nices Wölkchen« von DJ Koze feat. Apparat anschauen.

Sprung in eine große Zukunft? Trümmer beim Dockville
Sprung in eine große Zukunft? Trümmer beim Dockville

Orsons-Fans beim Dockville   FOTO: Robin Hinsch
Immer in Bewegung: Orsons-Fans treffen beim Dockville

… auf MC-Fitti-Anhänger
… auf MC-Fitti-Anhänger

Gitarrenbands wie Foals waren auch dabei
Gitarrenbands wie Foals waren auch dabei

Feines Set N°1: DJ Koze
Feines Set N°1: DJ Koze

Feines Set N°2: Pingipung
Feines Set N°2: Pingipung