Mr. Mitch „Devout“ / Review

Grime ohne viel Dreck: Devout perfektioniert Mr. Mitchs polierten Stil aus sich gegenseitig umwindenden Synthesizer-Harmonien.  

Er mache ja nichts anderes, als Grime, hält Miles Mitchell alias Mr. Mitch gerne fest. Und streut damit Salz in die Eklektik-Wunden von Genre-Puristen. Statt von aggressiven Claps und rumorenden Reese-Bässen lebt seine Musik von Melodien. Auf seiner Instrumental-Grime-Party Boxed spielt er Tracks, die im Club funktionieren und gleichzeitig eingängig sind. Als Produzent versteht er es jedoch auch, für MCs großspurige Energizer zu liefern. Auf seinen eigenen Alben spielt hingegen Intimität die Hauptrolle.

Der Londoner schreckt dabei weder vor anschmiegsamen Hooks, noch vor großen Emotionen zurück. Das zeigte schon sein Debüt Parallel Memories von 2014, auf dem er etwa die R’n’B-Boygroup Blackstreet in einem Slow-Motion-Sample auf ein langsames, minimalistisches Grime-Instrumental namens „Don’t Leave Me“ flehen lässt. Devout perfektioniert nun diesen polierten Stil aus sich gegenseitig umwindenden Synthesizer-Harmonien. Nach dem Intro, in dem neben Mr. Mitch auch seine Kinder zu hören sind und das den thematischen Schwerpunkt auf die Freuden und Leiden von Familienleben und Beziehungen legt, liefert Grime-MC P Money introvertierte Reflexionen darüber ab, wie das Vater-Werden das große Ganze ins dankbare Licht rückt.

Salz in den Eklektik-Wunden von Grime-Puristen.

Die Grime-Referenzen ziehen sich auch durch den Rest des Albums – es sind aber die versteckten Strukturen, die den Stücken ihre Dynamik geben. Die Form ist so gut wie aufgelöst, Schlagzeug und Percussion bleiben als rhythmische Indikatoren im Hintergrund oder ganz aus. Im Zentrum stehen angenehm catchy Melodien. Oberflächlich ist Mr. Mitch poppig wie nie – und strahlt dabei ein Understatement aus, das beinah ins Schüchterne rutscht. Elegisch klingen die sanft schwingenden, pulsierenden Klangwolken, die sich auch mal zu einem unkonventionellen Dancehall-Hit verdichten, bei dem die Tanz-Gemeinschaft vollkommen ungeniert traurig sein darf („VPN“, feat. Palmistry). Devout ist ein intimes und einzigartiges Album, das beruhigend flüstert: Es ist okay, lass den Blues zu.

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