Mouse On Mars „Dimensional People“ / Review

Mouse On Mars‘ Dimensional People grätscht zwar fordernd und komplex in die Welt, klingt aber trotzdem leichthändig hingetupft und ganz selbstverständlich.

Sofort zieht Sechzehntelgetacker von dannen, atemlos und zielgerichtet, das sich schnell immer weiter aufrüstet, ausrüstet, ausstattet, und wenn die Drums dann zerfasern und sich das Geschehen fast schon zu Jazz verdichtet oder sogar wirklich zu Jazz wird, wer will das schon festlegen, dann macht dieses möglicherweise 16. Album von Mouse On Mars bereits am Anfang klar, dass es etwas im Sinn hat. Etwas Neues. Bis eben noch war es nicht immer ganz leicht gewesen mit Andi Thoma und Jan Werner, ehemals Köln und Düsseldorf, seit langem schon Berlin. Nach gutmütig in die Welt blinzelnden Anfängen hatten sie eine lange Phase aus ostentativ ausgestellten Beatverknotungen und Instrumentalfingerfertigkeiten durchgemacht, technisch beeindruckend zwar, aber vulgo eben auch: bisschen Nervenzerrerei und Muckertum. Das alles eskalierte in waschechtem Remmidemmi, wofür Labels wie Ipecac und Monkeytown angemessen Unterschlupf boten.

Er klimpert, was sein musikgeschichtlich geschultes Hirn so hergibt.

Doch nun verzieht sich überraschend der Rauch. Erst steht da nur dieses nackte Sechzehntelgetacker. Bald darauf schweben wortlos ein paar Silben von Justin Vernon (Bon Iver) durchs Bild. Licht erstrahlt. Und nach und nach treten lauter wunderbare Menschen in die Freiräume, die sich aufgetan haben. Denn die Dimensional People aus dem Titel, das sind auch die Gäste, die zu dieser Platte beigetragen haben, eine buntgescheckte Crew, zu der neben Vernon unter anderem Indierock-Köpfe wie Zach Condon von Beirut oder die Dessner-Brüder von The National gehören, aber auch Rapper der vorvergangenen Avantgarde wie Amanda Blank oder Spank Rock, daneben die alte Köln-Connection zu Eric D. Clark, außerdem Musikfabrik, Nordrhein-Westfalens Landesensemble für zeitgenössische Musik, sowie der leibhaftige Swamp Dogg. Und angeblich noch 20 weitere Kollaborateure. Das Musikalbum als soziale Skulptur, dirigiert von zwei Regisseuren, mit Gästeliste und Sitzordnung als Kunstformen, die nur noch wenige beherrschen und die unvorhersehbare Funkenschläge auslösen können. Auch das, das Soziale und das gemeinsam an Regeln entlang Improvisierte: Jazz, im weitesten Sinne.

Aber wirklich nach „Jazz“ hört sich Dimensional People gar nicht an. Stattdessen ist es auf bezaubernde Art vollkommen unkategorisierbar – und das schon, wenn man nach 16 Minuten und vier Stücken voller Electronica-Ballungen und Folk-Introspektionen und Cloud-Rap-Wölkchen zum ersten Mal kurz Luft holen kann. Und noch bevor im Folgenden etwa zeitgenössische Avantgarde, Footwork oder der Jive-Talk von Swamp Dogg ihre Auftritte haben. So grätscht diese Platte zwar doch fordernd und komplex in die Welt, klingt aber trotzdem leichthändig hingetupft und ganz selbstverständlich. Ein Album wie das Wetter, wo Sonnenstrahlen auf dunkle Wolken folgen, Schneeschauer auf blauen Himmel, ein Auf und Ab aus vielen Elementen, mit einer Musik-Musik aus zwar nicht allen, aber doch sehr vielen anderen. Und am Ende dann: Lachen, Café-Gemurmel, eine rauschende Straße zu weiteren Orten mit mehr Licht.

Diese Rezension erschien neben vielen weiteren Besprechungen in unserer Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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