Moshpit im Konfettiregen – Iceland Airwaves in der Rückblende

Fotos: Lydia Meyer

Takk! Fünf Tage Superlative und jede Menge doppelte Konsonanten in Reykjavík: ein Blick zurück auf das diesjährige Iceland Airwaves Festival.

»Gibt’s in Reykjavík eigentlich auch Moshpits?«, fragt eine Touristin am Nebentisch den Kellner, als er ihren Burger vor ihr abstellt. Komische Frage. Gerade jetzt. Es ist Mittwochabend, der 11. November, und bis vorgestern war die Stadt noch eine andere. Zusammen mit einigen anderen tiefen Paar Augenringen sitze ich im Prikið, Reykjavíks ältestem Café. Da klebt ein stolzer Sticker an der Tür, der beweist, dass das wirklich wahr ist, mit dem ältesten Café der Stadt.

Superlative sind nämlich wichtig hier. Alles ist Superlativ. Auf einer Insel mit einer so geringen Bevölkerungsdichte ist irgendwer in irgendwas eben immer der beste, größte, kleinste oder älteste. Das Iceland Airwaves ist auch ein paar Superlative gleichzeitig: Das größte Festival Islands, das beste Festival im November, das (O-Ton Rolling Stone) hippste lange Wochenende im gesamten Festivalkalender. Soweit ich weiß, ist es auch das Festival mit den meisten internationalen Gästen.

iceland1Foto: Wesen

Blickt man im Prikið aus dem Fenster, sieht man zwei Geschäfte für Outdoor-Kleidung, die noch vor ein paar Tagen keine Klamotten-Läden, sondern Off-Venues waren – genau wie sämtliche Kinos, Hostels, Burger- und Buchläden der Stadt. Einmal im Jahr wird ganz Reykjavík zum Festival. Und im Hostel gegenüber geht dieses Airwaves für mich los: »Stelpur Rokka!«, die isländische Version von Girls Rock, hat am Donnerstag das Programm im Loft Hostel kuratiert – seit fünf Jahren gibt es im Off-Venue-Programm einen Slot, der nur Frauen gewidmet ist.

Dabei ist das Iceland Airwaves ohnehin schon eines der wenigen Festivals, auf denen man viele Bands sieht, in denen Frauen spielen. Trotzdem ist es schön, dass Stelpur Rokka! sich jedes Jahr ihren Off-Venue-Tag gönnen – auch um neue, unbekanntere Bands abseits des Standard-Programms kennenzulernen. In diesem Jahr sind das mit Bláskjár, Rauður, Börn, East Of My Mouth, Dream Wife und Tuff Love sehr unterschiedliche Bands.

Voll ist es hier. Viele Menschen, viele neue Bands, viele Bands. Und häufig fühlt es sich auf den Konzerten der ganz kleinen, unbekannten an, als sei der Hype hier schon viel weiter, viel größer als im Rest der Welt. Bei Hinds zum Beispiel kommen wir – trotz überpünktlichem Anstellen – gerade noch so rein und selbst bei Kippi Kaninus, einer siebenköpfigen isländischen Weirdo-Band, ist der Saal im Gamla Bío bereits voll, bevor sie die Bühne betritt. An den Kongas sitzt Sigtryggur Baldursson, ehemaliger Drummer der Sugarcubes. Normal. Island halt.

Nachdem LA Priest im weißen Anzug den Donnerstag beendet, verliebe ich mich am nächsten Tag endlich auch live in Chastity Belt, den heißesten Scheiß, den Seattle seit den Neunzigern zu bieten hat. Vorher spielen die großartigen Weaves aus Toronto, nachher sorgt Ariel Pink in der Harpa für visuelle Hochgefühle. Innerhalb der nächsten Tage sehe ich Bands, über deren Konzerte zu schreiben mir sinnlos erscheint, die aber dennoch jedem ans Herz gelegt sein sollten:

Jedes Jahr geht das Airwaves mit einem besonderen Act zuende. Nach Sigur Rós, Kraftwerk und den Flaming Lips in den letzten Jahren wäre das dieses Jahr eigentlich Björk gewesen. Die hat aber bekanntlich ihre Tour abgesagt. Und sitzt hier stattdessen samstags zur Kaffeezeit mit der gesamten Familie neben mir im Off-Venue und klatscht ihrem Sohn zu, der mit seiner Collegerock-Band über »girlfriends in the summer« singt. Island halt. Normal.

Statt Björk spielen Hot Chip eines der Abschlusskonzerte. Und damit haben die Iceland-Airwaves-Organisatorinnen ihre goldene Regel gebrochen: In all den Jahren durfte bisher keine ausländische Band mehr als ein einziges Mal auf dem Airwaves spielen. Dieses Jahr sind mit Hot Chip und Beach House gleich zwei Bands zum zweiten Mal hier. Den Abschluss machen FM Belfast, ein Iceland-Airwaves-Klassiker. Da habt ihr euren Moshpit, ey.

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