Morrissey World Peace Is None Of Your Business

Wann genau Morrissey anfing, mir auf die Nerven zu gehen, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Früher hatte ich meist milde gelächelt über die für ihn typische, genuine Mischung aus Welt- und Selbstekel, aus grandioser Selbstermächtigung und Selbstmitleid, Arroganz und Larmoyanz. Zuletzt war der alternde Mann jedoch immer wunderlicher geworden. Halsstarrig, sozial unverträglich – Morrisseys immer schon enorme Selbstgerechtigkeit drohte zunehmend, seine Verdienste in den Schatten zu stellen. Und dann war da die Sorge: Immer wieder wurden Konzerte abgesagt, der Sänger überwand verschiedene mysteriöse Leiden, über deren Ursache man nichts wusste, Gerüchte von ernsthaften chronischen Erkrankungen machten die Runde.

Nur Musik hatte es in diesen düsteren Jahren nicht gegeben. Der einstige The-Smiths-Sänger behauptete, über lange Monate keine Plattenfirma für ein bereits fertig produziertes Album gefunden zu haben. Dieses erscheint nun doch noch; wie gehabt bei Universal (via Harvest), man hat sich offenbar einigen können. Abermals spielen auf der Platte die gewohnten Musiker, doch Morrissey nimmt die Rockismen zurück, die ihm zuletzt häufig vorgeworfen wurden. Anstelle muckerhaften Dröhnens ist dieses schwelgerische Element zurückgekehrt, das man zuerst mit Morrissey verbindet.

Davon profitiert vor allem der in der letzten SPEX-Ausgabe ausführlich verhandelte Titelsong von World Peace Is None Of Your Business. »Neal Cassady Drops Dead«, natürlich eine Hommage an die Beats, ist dann doch wieder durchschnittlich sägender Rock ohne Verve, der Anti-Machismo-Song »I’m Not A Man« hingegen großartig. Ein Paradox war in der Morrissey-Rezeption stets die Tatsache, dass sich sein Gefolge überwiegend aus Steakessern und Biertrinkern zusammensetzt, die in Morrissey einen aufrechten Typen mit Haltung erkennen, ungeachtet der Tatsache, dass diese vermeintliche Haltung ihrem eigenen Lebensentwurf in höchstem Maße zuwiderläuft. »I’m Not A Man« ist nun genau der richtige Song für diese Leute: »Cold Hand / Ice Man / Warring Caveman / Mover-Shaker / Beef-a-ronie / Casanova / T-Bone Steak« – nur einige der vermeintlich typisch männlichen Charaktereigenschaften und Vorlieben, aus denen der Text besteht, die das Selbstverständnis jener Freunde britischer Popmusik trefflich beschreiben, die sich »lads« nennen und Morrissey bis ins Grab die Treue halten. Im Übrigen spiegelt der Song, eine dynamisch trefflich arrangierte Moz-Ballade, die reichlich naive, frühemanzipatorische Überzeugung, nach der Frauen das bessere Geschlecht seien – längst widerlegt von Margaret Thatcher, Angela Merkel und anderen Frauen in Machtpositionen. Die Grenze verläuft nicht zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den Überzeugungen.

Ohnehin ist auch diese Deutung natürlich ein Irrtum. Morrissey hasst Frauen genauso, wie er alle anderen Menschen hasst. Das verdeutlicht er nur wenige Songs später in »Kick The Bride Down The Aisle«, getragen von einer süßlichen Popmelodie, mit der er seine Geschlechtsgenossen wie ein chauvinistischer Fünfzigerjahre-Patriarch vor der Arglist ihrer potenziellen Frauen warnt: »She wants a slave / To break his back«, singt er unter anderem.

Am Ende ist also alles wie immer: Im Besitz höherer Wahrheiten wähnt sich auf diesem Planeten einzig Morrissey selbst. Wir anderen sind bestenfalls Cretins, die ihn bewundern dürfen. Immerhin sind ihm mal wieder ein paar sehr schöne Lieder gelungen. Wäre da nur nicht immer dieser Selbstekel!

 

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