Morrissey ist mal wieder mit rechten Symbolen aufgetreten und verbreitet weiterhin groben Unsinn. Danke dafür! Denn das entlarvt, wie selbstgerecht die vermeintliche Rebellion der Rechten ist.

Sprechen wir es endlich mal aus: Steven Patrick Morrissey ist ein bedauernswerter Depp. Und ja, das war er schon immer. Selbst zu Zeiten seiner Ex-Band The Smiths. Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass dem mittlerweile 60-Jährigen nun der Backlash entgegenschlägt, den er seit mindestens 20 Jahren verdient hat.

„Life is hard enough when you belong here” – Morrissey (Bild: SPEX).

Wer an Morrisseys Idiotie noch einen Restzweifel hatte, wurde nämlich spätestens in den letzten zwölf Monaten eines Besseren belehrt. Erst kürzlich trat er etwa in Jimmy Fallons The Tonight Show mit einem For-Britain-Pin am Jackett auf. Kennen Sie nicht? Es handelt sich um eine ultrarechte Partei, die sogar Großbritanniens Chefhetzer Nigel Farage gerne als „Nazis and racists“ brandmarkt. Morrissey unterstützt For Britain aber nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf seiner offiziellen Website. Es sei die einzige Partei, die für die Sicherheit der Brit_innen einstehen könne, heißt es da.

In der Folge begann eine Reihe von Plattenläden, Morrisseys jüngstes Album, die famos schlechte Cover-Platte California Son, aus dem Sortiment zu nehmen. Und die Liverpooler Bahngesellschaft Merseyrail ließ sämtliche Morrissey-Werbeplakate in ihren Zügen und Stationen entfernen. Gut so.

Aber warum erst jetzt? Denn nicht erst seit Morrissey vor einem knappen Jahr den ersten muslimischen Bürgermeister Londons Sadiq Khan damit abkanzelte, dass er kein richtiges Englisch spreche, und über die (in Cambridge ausgebildete) Schwarze britische Parlamentarierin Diane Abbott sagte, dass noch nicht einmal die Supermarktkette Tesco sie einstellen würde, konnte an dessen politischer Gesinnung eigentlich kein Zweifel mehr bestehen.

Tatsächlich ist die Liste von rechtslastigen bis -radikalen Einlassungen von Morrissey lang. Schon 1986, kurz nach Veröffentlichung des für viele besten Smiths-Albums The Queen Is Dead gab er dem britischen Melody Maker ein Interview, in dem er eine angebliche black music conspiracy herbei fabulierte. Er hasse Schwarze Musik von ganzem Herzen, gab er zu Protokoll.

Kein freigeistiger Intellektueller

Zwei Jahre später erschien auf seinem Solodebüt Viva Hate ein Song namens „Bengali In Platforms“, eine Geschichte von fehlgeschlagener Integration. Der Refrain: „Life is hard enough when you belong here”. 1992 veröffentlichte Morrissey auf Your Arsenal dann „The National Front Disco” und stellte sich von offensichtlich rechten Skinheads flankiert und den Union Jack (vor Cool Britannia!) schwenkend auf die Bühne.

2007 beschwerte er sich in einem Interview mit dem NME über einen vermeintlichen Verlust der britischen Identität und Einwanderer_innen im Allgemeinen. 2013 feierte er öffentlich Farage und dessen rechtspopulistische UK Independence Party (UKIP). 2016 folgte ein Loblied auf das EU-Referendum und den folgenden Brexit. Und 2017 der Vorwurf, dass die Vorstandswahl der UKIP zuungunsten der Anti-Islam-Politikerin Anne Marie Waters manipuliert worden seien. Nicht zu vergessen ebenfalls: Morrisseys irrlichternde Äußerungen zur Me-Too-Debatte gegenüber dem Spiegel, in denen er Harvey Weinstein und Kevin Spacey verteidigte. Und Berlin als „Vergewaltigungshauptstadt“ bezeichnete.

Zusammengenommen sprechen diese Fälle eine klare Sprache. Die über Jahrzehnte von Fans wie Musikindustrie gerne angeführte Argumentation, dass es sich bei diesen Ausfällen um clevere Nebelkerzen handele, trägt nicht mehr. Nein, Morrissey ist kein freigeistiger Intellektueller, der über den Dingen steht. Dafür ist die Beweislage längst zu erdrückend.

Das ist für Fans selbstverständlich eine bittere Einsicht. Denn die kulturelle Bedeutung der Smiths in den Achtzigern ist unbestritten. Für viele Zeitzeug_innen, und auch für nachfolgende Generationen, war die Band mehr als eine Band. Sie war Anker, Identifikationsquelle, oft auch Rettung. Denn niemals zuvor hatte jemand Außenseitertum, Angst und Zärtlichkeit so pointiert vertont wie das Duo Johnny Marr und Morrissey. Wer seit 1982 die seelischen Verwerfungen des Aufwachsens durchlitt, kam mit Sicherheit in irgendeiner Art mit den Smiths in Kontakt – oder mit ihrem Einfluss.

Morrissey war der Freund, der nicht fragte, sondern verstand. Einer zudem, der sich in den Achtzigern mit den Schwachen und Marginalisierten verbündete. Der radikal linke Positionen vertrat. Der sich herrschaftskritisch („The Queen Is Dead”) zeigte, Austeritätspolitik verabscheute („Margaret On The Guillotine”). Und der sich mit aller Macht für die Rechte von Tieren einsetzte. Dieser Freund wählt nun stramm rechts. Er unterstützt menschenverachtende Positionen. Das hinterlässt eine Lücke, sicher. Sei’s drum. Tschüss, Steven.

Trotzdem ist es wichtig, noch einmal genauer über Morrisseys Abstieg zu sprechen. Denn in einer Disziplin war er tatsächlich immer einer der Besten: dem Interpretieren der Zeichen der Zeit. Im Laufe der Jahre wurde deutlich, dass es sich bei Morrissey um einen cleveren Narzissten handelt. Einen, der es stets verstand, aus einer leidvollen Pose heraus das Anti-Establishment zu verkörpern – und sich selbst dabei ins Zentrum zu stellen.

Zarte Zeiten, harter Morrissey

In den frühen Jahren, in denen der Zeitgeist noch von dominanter Männlichkeit geprägt war, rebellierte Morrissey mit exaltierter Zartheit und Androgynität gegen den machistischen Imperativ. Gerade die frühen Bühnenauftritte mit den Smiths, bei denen der Sänger als Kunstfigur zwischen schwindsüchtigem James Dean und Schulhof-Außenseiter mit Gladiolen wedelte, sind als Performance gegen die Männerschritt-gespickte Rockmusik jener Tage zu verstehen.

Allerdings war dieser Aufbruch der Verhältnisse schnell nicht mehr cutting edge. Das Establishment holte auf. Und Morrissey überholte rechts. Es ist kein Zufall, dass dessen Flirt mit faschistoiden Motiven just zu einer Zeit begann, als zärtlicher Synth-Pop, wie er ursprünglich und noch vor den Smiths vom New Romanticism geprägt wurde, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs stand. Androgynität war Mainstream und das Anti-Establishment zu verkörpern, bedeutete in Morrisseys Weltbild zunehmend, das Bild eines starken Mannes zu glorifizieren.

Das steigerte sich im Verlauf der Neunziger und fand 2004 einen ersten Höhepunkt als Morrissey auf dem Cover seines siebten Albums You Are The Quarry mit einer Mafia-Maschinenpistole posierte. Zart war hier nichts mehr. Stattdessen standen, zumindest ästhetisch, Männlichkeit und Tradition im Zentrum.

Umso weniger überraschend ist es vor diesem Hintergrund, dass Morrissey ausgerechnet in den vergangenen fünf Jahren immer mehr in Richtung kruder Theorien und rechtspopulistischer Parolen abdriftete. Sie wissen schon: linksliberaler Mainstream, Korrektheitsterror, Staatsrundfunk und ähnlicher Quark.

Rebels without a cause mit faschistoiden Fantasien

Es ist erschreckend, wie deckungsgleich das mit den Dynamiken in den westlichen Gesellschaften ist. Wie Morrissey sieht sich eine wachsende Zahl an Menschen in der Pflicht, gegen ein vermeintliches linkes Meinungsmonopol anzukämpfen. Das ist natürlich blanker Unsinn, aber immerhin so populär, dass der Begriff der Rebellion als auch der Kampf gegen das Establishment mittlerweile fast vollständig von Rechten gekapert wurden.

Mit anderen Worten: Die wirkmächtige Symbolik des Systemkampf ist heute rechts. Und damit auch die coole Anti-Haltung, die einst junge Menschen an linkslastige Pop-Phänomene band. Um sich das Ausmaß bewusst zu machen, reicht ein Blick in die Schattenwelten der sozialen Medien, wo auf neuen Plattformen wie Tik Tok oder innerhalb von Politigram, der politischen Subkultur auf Instagram, Menschen zwischen 14 und 18 hauptsächlich rechte Theorien verbreiten. Rebels without a cause, könnte man sagen. Nur eben mit faschistoiden Fantasien.

Nun wissen die meisten davon mit Sicherheit nicht, wer Morrissey ist. Das ist aber auch egal. Viel wichtiger ist, dass dieser Mann offenbar eine Großwetterlage ausgemacht hat, die es ihm erlaubt, seine Standpunkte ungefiltert in die Welt zu posaunen. Das mag aus musikhistorischer Perspektive traurig sein, birgt aber auch eine Chance.

Denn Morrissey ist zweifelsohne eine Person, die vielen Menschen wichtig ist. Und das ist noch untertrieben. Seine Fans werfen sich seit Jahren auf jegliche Kritiker_innen ihres Idols wie ausgehungerte Bluthunde. Das ist unreflektiert, sicher. Aber den wenigsten von ihnen kann man wohl eine ernsthafte Nähe zu rechtem Gedankengut unterstellen.

Und deshalb kann man beinahe dankbar sein, dass Morrissey sich für alle sichtbar entblößt. Denn die zweite Sache, die er besser kann als die meisten: Zeigen, wie krude die Argumente, wie fehlerhaft die Logik und wie selbstgerecht die Haltung hinter der selbsternannten Rebellion ist.

Immer dort, wo der Wind gerade günstig stand

Dazu genügen zwei Beispiele. Morrissey regt sich seit Jahrzehnten chronisch über „die Medien” auf. Es werde gelogen und verdreht, vor allem natürlich, was seine Person anginge. Nachdem er etwa 2007 dem NME besagtes Interview zur britischen Identität gegeben hatte und dieser es veröffentlichen wollte, schoss Morrissey mit allen verfügbaren Waffen gegen das Magazin und den Interviewer Tim Jonze. Trotz mehrerer Statements konnte er nie beweisen, dass falsche Zitate verwendet wurden.

Noch besser 2016, als der Spiegel sein in Los Angeles geführtes Interview veröffentlichte. Wieder beteuerte Morrissey, falsch zitiert worden zu sein, diskreditierte öffentlich Spiegel-(und SPEX-)Autorin Juliane Liebert, die einem Shitstorm seiner Fans ausgesetzt war. Bis das Magazin den Mitschnitt des Interviews veröffentlichte – und sich sämtliche Zitate darin mit der gedruckten Version deckten.

Diese Widersprüchlichkeit zieht sich im Grunde durch die gesamte Karriere dieses Künstlers. Ob es um Politik, zwischenmenschliche Beziehungen oder persönliche Prinzipien geht: Morrissey war immer dort, wo der Wind gerade günstig stand. Für sich persönlich und sein Ego. Und auch das ist frappierend deckungsgleich mit der Neuen Rechten.

Wer den Weg der öffentlichen Person Morrissey verfolgt, kann also die Entwicklungen einer ganzen Gesellschaft im Kleinen nachvollziehen. Und dabei lernen, dass es sich hier keinesfalls um ein Auflehnen gegen irgendein Establishment handelt, sondern um die Befriedigung eines kollektiven Märtyrer-Syndroms. Um keine Rebellion, sondern um das Beweinen eines fiktiven Gestern.

Deshalb, falls Ihnen Morrissey etwas bedeutet: Hören Sie seine Musik gerne weiter, betrachten Sie ihn weiterhin als Idol. Aber bitte, hören Sie ihm genau zu. Und seinen Brüdern und Schwestern im Geiste gleich mit.