Morrissey „Low In High School“ / Review

Post-The-Smiths schaukelt Morrisseys Schritt im Rhythmus der Gitarren. Auf Low In High School schaukelt er selbst zumindest auch zu neuen Themen.

Wussten Sie eigentlich, dass Morrissey auf die New York Dolls, T. Rex und andere Poser der klassischen Rockmusik steht? Ja klar, wir auch. Spätestens seit der selbsterklärte Vorzeige-Mancunian Ende 1987 seine Band The Smiths verließ – und damit das unaufdringliche Gitarrenspiel Johnny Marrs gegen das breitbeinige Gesäge seiner Soloalben eintauschte. 30 Jahre und zehn Alben haben daran bisher nichts geändert. Auch „My Love, I’d Do Anything“, der Opener von Morrisseys neuer Platte Low In High School, gönnt seinen Gitarren jede Menge Testikelfreiheit. Das ist vor allem konsequent: Der muskelbepackte Sound passte schon auf Morrisseys Solodebüt Viva Hate perfekt zur Wandlung des Sängers Ende der Achtziger: vom neunmalklugen Spätdandy mit Egoproblem zum neunmalklugen Spätdandy mit Egoproblem, der sich berufen fühlt, kontroverse Meinungen in die Welt zu posaunen und angesichts unvermeidlicher Kritik in einer ewigen Märtyrerpose aufzugehen – während der eigene Schritt im Rhythmus der Gitarren schaukelt.

Auf Low In High School schaukelt Morrissey zumindest zu neuen Themen. Etwa zu, Überraschung, Medienkritik: „I recommend you to stop watching the news“, singt er in der eingängigen Single „Spent The Day In Bed“. „Because the news contrives to frighten you“. Alles klar, danke für den Hinweis. Zweites Ziel, ebenso neu: Israel, dessen Morrissey sich in gleich zwei Songs samt Verschwörungs-Starterpaket annimmt: „What do you think all these armies are for / Because the land weeps oil“, heißt es etwa in „The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel“. Oder im Closer „Israel“: „Those who reign abuse upon you / They’re just jealous of you, too.“

Morrisseys Gedankenwelt und eine komplizierter werdende Realität passen nur selten zusammen.

Dass man Morrisseys politische Einlassungen mit einem gewissen Abstand betrachten sollte, weiß längst jedes Kind. Doch spätestens seit er sich im März diesen Jahres nach dem Attentat von Manchester auf Facebook darüber beschwerte, dass Londons Bürgermeister Sadiq Khan den sogenannten Islamischen Staat nicht verurteilt habe und generell um Probleme mit dem Islam herumgeredet werde, sollte eins klar sein: Morrisseys Gedankenwelt und eine komplizierter werdende Realität passen nur selten zusammen.

Auch daran ändert Low In High School nichts. Es ist ein mittelmäßiges Album mit sämtlichen Zutaten, die ein Morrissey-Album eben braucht: Einige gute Songs, viel Drama, noch mehr Pathos und diverse textliche Griffe ins Klo. Anders gesagt: Die Platte hätte genau so schon 1992 erscheinen können. Heute bleibt lediglich die bittere Erkenntnis, dass Morrissey vor allem eins ist: Der popkulturelle Arm des Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfens.

7 KOMMENTARE

  1. Der Griff ins Klo passt, allerdings eher zu dieser Rezension. Es gibt wohl keinen Musiker, der politisches Geschehen so intellektuell in Szene setzt wie eben dieser grandiose Musiker, dessen musikalische Untermalung stets innovativ und imposant entwickelt wurde… das Talent von Johnny Marr ist wohl nur im Kombination mit Morrissey hervorzuheben. 1992 klang Morrissey, wie auf jeder Platte ganz ganz anders, als jemals zu vor. Gut, daß aber jetzt alles so kompliziert ist und nur Experten diese schräge Welt verstehen, da kann ein einfacher Popmusiker natürlich nicht mithalten.

  2. Das verquaste Geschwurbel der SPEX-Redakteure war schon vor fünfundzwanzig Jahren unerträglich und hat kaum zu neuen Erkenntnissen beigetragen. Von Inspiration ganz zu schweigen…
    Heutzutage muss man wenigstens kein Geld mehr dafür ausgeben, das ist tröstlich.

  3. Die vielen zahlreichen kleinen verlängerten Ärmchen der geistigen Verarmung und des „Man darf und muss nur das hier sagen,und ich habe so Angst,selber zu denken“ in der flachen Journaille sind nur lächerlich, mehr nicht. Von diesen wird niemand in Jahrzehnten noch lesen, aber Morrissey bleibt.

  4. Gerne: Zur Kritik „Low in high School“: Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen. „Generalisierte Verblödung“ verpackt als Plattenkritik. Kevin? ach ne‘ Dennis? Geburtsjahr 1992? Die Kritik hätte auch 1972 erscheinen können? Dann wäre die Scheibe 1952 erschienen?

  5. Vielleicht sollte man sich daran gewöhnen, dass der Zug für Morrissey abgefahren ist. Er hatte schon immer einen an der Klatsche. Solange er Weltklassesongs geliefert hat, wollte man darüber hinwegsehen. Jetzt erkennen manche: Die Briten haben Morrissey, den alten UKIP-Anhänger, wir haben Xavier. Jedem seinen Verschwörungstheoretiker. Bitter.

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