Morrissey Greatest Hits

Mit »You Are The Quarry« kehrte Morrissey 2004 nach siebenjähriger Plattenabstinenz mit einem Album zurück, dessen Kraft viele überrascht haben dürfte. Druckvoll, drängend, voll stimmlichem Elan, sofort mitsingbar und bis auf die ein oder andere textliche Plattheit – der engagistisch-faustballende Protest-Song »America Is Not The World« oder das das Niveau eines Pennälerliebesbriefs nicht überschreitende »I Like You« – eine jener Erfrischungen, die deshalb so gut munden, weil man nicht mit ihnen gerechnet hat. Zwei Jahre später legte Steven Patrick mit »Ringleader Of The Tormentors« auf hohem, vielleicht ein wenig überambitioniertem Niveau nach. In diesem Herbst soll sein nächster Longplay-Streich folgen, während der ehemalige Smiths-Sänger, der den Oscar-Wilde- und Poetry-Seminaren anglistischer universitärer Fachbereiche einst ganze Scharen von AbiturientInnen zutrieb, derzeit an seiner Autobiographie schreibt.

    Weshalb es für die Zeit zwischendurch die wahrscheinlich zehnte »Greatest Hits«-Compilation Morrisseys – ich habe irgendwann aufgehört, mitzuzählen – geben muss, weiß wohl allein die Finanzabteilung seiner Plattenfirma. »Greatest Hits« versammelt ausschließlich Singles, der Schwerpunkt liegt mit acht von fünfzehn Songs dabei auf den genannten letzten beiden Veröffentlichungen. Darunter sind echte Perlen wie das energetische »First Of The Gang To Die«, die Mozzers Großkotzigkeit in – wüsste man es nicht besser – fast schon selbstironisch wirkender Weise auf den Punkt bringende wunderbare Blasphemie-Ballade »I Have Forgiven Jesus«, für die er seine Stimme in angelische Höhen schraubt, sowie die beiden leidenschaftlichen Uptempo-Stücke »You Have Killed Me« und »The Youngest Was The Most Loved«.

    Dabei ist die frühe Solophase des Mankuniers ab 1988 viel zu unterrepräsentiert, um dem Morrissey-Einsteiger auch nur annähernde Einblicke in sein Schaffen zu gewähren (und für wen sonst kann eine solche Zusammenstellung einen Partialsinn machen?). Natürlich sind die Klassiker »Suedehead« und »Everyday Is Like Sunday« dabei, doch was ist mit der Hymne »November Spawned A Monster«, dem verspielten »Ouija Board, Ouija Board«, dem rebellisch-verträumten »Piccadilly Palare« oder dem atemberaubenden Duett mit Siouxsie Sioux von den Banshees für das Timi-Yuro-Cover »Interlude« (im Original Titelsong des Kevin-BillingtonFilms von 1968 mit Oskar Werner)? Hinzu kommt: Morrissey hat seine stärksten Stücke oft nicht ausgekoppelt oder aber auf B-Seiten versteckt. Keine Chance also für das große »Jack The Ripper«, für »Girl Least Likely To« und »Yes, I Am Blind«, für die düstere Elegie »Michael´s Bones« oder das auf dem »Vauxhall And I«-Album von 1994 enthaltene, abgründige und hochgradig verstörende »Lifeguard Sleeping, Girl Drowning«, auf dem der Robert-Smith-Hasser Morrissey der Idee von Gothic so naherückt wie nie zuvor oder danach. Durch die Konzentration auf Single-Auskoppelungen fehlt denn auch mit dem hypnotischen »On The Streets I Ran« eines der stärksten Stücke des letzten Studioalbums.

    In Gestalt der aktuellen Single »That´s How People Grow Up«, einem mit Dringlichkeit vorgetragenen flehentlichen Schrei nach Liebe, der bis auf den Eingangssopran schnörkellos sofort zur Sache kommt, und des angepunkt vor sich hinrockenden »All You Need Is Me« enthält »Greatest Hits« auch zwei neue Songs. Die Deluxe-Edition erscheint mit einer acht Tracks umfassenden Bonus-Live-CD. Alles in allem ist mein Verdacht: Das war eigentlich für die Platzierung unter dem 2007er Weihnachtsbaum gedacht.

LABEL: Decca

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 08.02.2008

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .