Moritz von Oswald Trio

Moritz von Oswald Trio Vertical Ascend TonträgerÜber anderthalb Jahrzehnte hinweg hat Moritz von Oswald zusammen mit Mark Ernestus einen unverwechselbaren Sound entwickelt, ohne je den Verdacht aufkommen zu lassen, er würde sich auf einem einmal erprobten Klangmodell ausruhen wollen. Ob Basic Channel oder Rhythm & Sound, die fein justierte Mischung aus Detroit-Techno, jamaikanischem Dub und avantgardistischer Geräuschästhetik war immer wieder neu und bahnbrechend, nichts schliff sich routiniert ein, keine Spur von ästhetischer Faulheit. Diese Musik schaffte es, Räume zugleich zu definieren und zu transzendieren, egal ob am Kollektivort Club oder im Binnenraum des iPods.

    Die Spiritualität des Dub war dann auch niemals bloßes Bonusgefühl, sondern ganz maßgeblicher Faktor für die Magie der Musik. Nach oben, in die Weiten des göttlichen Universums, weist auch die Rakete, die auf dem Cover des ersten Moritz-von-Oswald-Trio-Albums zu sehen ist. Gestaltet wurde der Flugkörper von der Künstlerin Cosima von Bonin für eine Edition des Magazins Texte zur Kunst. Das Trio selbst besteht neben von Oswald aus Sasu Ripatti (alias Vladislav Delay bzw. Luomo) und Max Loderbauer von Sun Electric und NSI.

    Über einen längeren Zeitraum traf man sich zu mehr oder weniger lockeren Improvisationen; am Schluss hat von Oswald die live eingespielten Aufnahmen zusammengefügt und bearbeitet. Wegen eines Schlaganfalls konnte er das Mischpult nur mit einer Hand bedienen – zu behaupten, dass dies Einfluss auf Arrangement und Postproduction gehabt hätte, wäre unseriöse Spekulation. Das Album knüpft zwar an einige Momente aus von Oswalds Zusammenarbeit mit Carl Craig auf »Recomposed« (2008) an, klingt ansonsten aber suchender und tastender. Denn obwohl die Tracktitel – »Patterns 1/2/3/4« – von Hardcore-Formalismus künden, geriert sich die Musik bei aller Strenge erstaunlich launenhaft und lose. Das schlackernde Klangkontinuum wird recht unvermittelt durch aufstiebende Filtereffekte und kuriose, oft lustig unsubtile Frequenzverschiebungen unterbrochen. Immer funkt irgendwas dazwischen. Und nicht zuletzt Ripattis Percussion auf eigens gebauten metallenen Schlaginstrumenten stiftet einen unsauberen und ›materialistischen‹ Appeal.

    Erschienen ist das Album bei Honest Jon’s, und man fragt sich glatt, ob von Oswalds lange freundschaftliche und professionelle Verbundenheit mit dem Londoner Label den bisherigen klangästhetischen Koordinaten einen Schuss britische Exzentrik hinzugefügt hat. Manche Effekte wirken jedenfalls theatralisch überzogen und zur Schau gestellt. Und im unteren Frequenzbereich zischt und züngelt es bedrohlich wie aus einer Schlangengrube – man kennt dieses Klangparadigma aus dem klassischen Dub-Reggae, den von Oswald in immer neuen Versionen fortschreibt und neu interpretiert. Eher konzeptuell-abstrakt meldet sich der andere Großsignifikant, der Jazz, zu Wort, obwohl er einem ja schon mit dem Bandnamen ironisch aufs Auge gedrückt wird.

    Wie sich die Stücke an ihren losen Enden kräuseln und verfransen, erinnert allerdings auch an die genauen Ungenauigkeiten des Krautrock. Ähnlich früherer Arbeiten Oswalds leben die »Patterns« von der maximalen Wirkung kleiner Variationen, vom Unterschied in der Maske des Gleichen. Diesmal wurde aber den Zwischentönen und Abweichungen mehr Platz gelassen. In wiederholten Suchbewegungen scheint diese Musik ein imaginäres Zentrum anzusteuern, ohne es je erreichen zu können. Sobald ein Sound fixiert ist, verdampft er schon wieder. Eher hinterrücks erarbeitet sich von Oswald dabei jene lässige Präsenz, die ihn seit jeher so unnahbar und besonders macht.

LABEL: Honest Jon’s Records / NTT | VERTRIEB: Indigo

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