Moor Mother – Chaos wird Sinn / Feature & Verlosung zum Donaufestival

Rap, Slam-Poetry, Punk und Blues: Moor Mother begegnet den Anforderungen der Gegenwart mit einer neu zusammengesetzten Form von Protestmusik. Am 28. April ist sie zu Gast beim Donaufestival. SPEX verlost Tagestickets und stellt die Musikerin und Lyrikerin im ausführlichen Feature vor.

Im Anfang war das Chaos. Aufgeregte Tierlaute, die gegen vorzeitliches Flötenspiel prallen. Mäandernde Stimmfetzen, die von erhängten schwarzen Menschen erzählen. Eine beunruhigende Kakofonie, der erst die Worte einer Sci-Fi-Dea-Ex-Machina ihre greifbare Form verleihen: „The idea is / To travel throughout the race riots / From 1866 to the present time.“ Dies ist der Schöpfungsmythos wie ihn Camae Dennis alias Moor Mother auf ihrem Debütalbum Fetish Bones beschreibt.

Das Stück „Creation Myth“ weist bereits als Opener auf die stark vom Afrofuturismus beeinflusste Philosophie der Künstlerin hin. „Zeit ist nicht linear“, erklärt Dennis. „Ich glaube an den ripple effect“ – also das kausale Ineinandergreifen von zeitlich auseinander liegenden Ereignissen. „Was mit Billie Holiday passiert ist, ist auch schon mit zahllosen Bluesmusikern vor ihr passiert.“ Blues ist dabei nur ein Beispiel, den Namenlosen will die Künstlerin aus Philadelphia eine Stimme geben. „Denn wir leben in einer Gesellschaft, die systematisch versucht, Erinnerung auszulöschen.“ Moor Mothers Sound-Vignetten verkörpern eine alternative schwarze Geschichte, in der zwischen Noise-Wänden und Erdbeben-Beats ebenso das vertraute Echo von Holidays „Strange Fruit“ widerhallt, wie das gesampelte Summen anonymer chain gangs, die Erinnerung an den 14-jährigen Emmett Till, der 1955 gelyncht wurde, oder an die Opfer von Ferguson. „Ich spüre die Schwere des Nicht-Erzählten“, sagt Dennis.

„wir leben in einer Gesellschaft, die systematisch versucht, Erinnerung auszulöschen.“

Die Künstlerin ist in Maryland als introvertiertes Kind aufgewachsen, wurde geprägt von Kirchenhymnen und wandte sich im Teenager-Alter Malcolm X und Public Enemy zu. In der Highschool begann sie schließlich selbst zu rappen, störte sich jedoch schnell an der Inhaltsleere zu vieler Hip-Hop-Tracks. Auf der Suche nach neuen Formen der Protestmusik fand Dennis Bob Marley, die Specials und schließlich Punk. „Ich wollte Musik, die das Maul aufmacht, die die Geschichten gebeutelter Communities erzählt.“ 2005 gründete Dennis die Punkband The Mighty Paradocs, seit zwei Jahren ist sie als Moor Mother unterwegs.

Ihrer Community in Philadelphia fühlt sich Dennis nach wie vor eng verbunden. „Schauen Sie sich die housing crisis an“, sagt sie. „Wir werden immer mehr voneinander getrennt, immer weiter von unseren Wurzeln weggedrängt.“ Dennis trainiert auch deshalb Jugendliche als Basketballcoach, organisiert Festivals und Poetry-Workshops. Als Lyrikerin, die bald ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichen wird, eröffnet sie bei Lesungen mittlerweile das Programm der einflussreichen Aktivistin und Autorin bell hooks. Für den Moment zählt jedoch vor allem, dass Dennis als Moor Mother eines der wichtigsten Alben 2016 geschrieben hat. Gewaltsam durchbricht sie mit Fetish Bones die Grenzen zwischen Raum und Zeit, verwandelt Chaos in Sinn, Nicht-Musik in Musik, Vergessen in Geschichte. Und sie sah, dass es gut war.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX No. 372 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

SPEX verlost 2×2 Tagestickets für Samstag, den 18.04. beim Donaufestival mit DJ Taye, Lotic, Moor Mother u.v.m. Dafür einfach eine Mail mit dem Betreff „Donaufestival“ an gewinnen@spex.de senden, den vollständigen Namen angeben und ein bisschen Glück haben.

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